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Das Westböhmische Theater in Cheb

Bereits im Mittelalter hatten die Egerer Bürger Freude am darstellenden Spiel. So ist überliefert, dass im Jahre 1442 zum Fronleichnamsfest ein dreitägiges Passions- und Auferstehungsspiel mit mehr als 200 Personen aufgeführt wurde.

Das Stück hieß „Ludus de creatione mundi“ (Spiel der Erschaffung der Welt), verfasst in mittelhochdeutscher und in lateinischer Sprache. Die Aufführung fand in der Nikolauskirche und auf Bühnen statt, die man auf den Straßen und Plätzen aufgebaut hatte.

 

Ein eigenes Theatergebäude, erbaut nach Plänen des Architekten V. Pröckel, konnte im Jahre 1874 eröffnet werden. Für die Eröffnungsvorstellung am 3. Oktober wählte man – bezugnehmend auf die Geschichte der Stadt – zwei Teile von Schillers Trilogie  „Wallensteins Lager und Wallensteins Tod“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude restauriert und als „Divadlo Pohraniční stráže“ (Theater Grenzposten) am 8. Mai 1960 wiedereröffnet. Zur Aufführung kam das Singspiel „Fidlovačka“ von Josef Kajetán Tyl, welches das Lied „Kde domov můj?“ (Wo ist meine Heimat?) enthält, die tschechische Nationalhymne.

 

Freies Wort in einer schweren Zeit

Ein Jahr später erhielt das Egerer Theater ein eigenes Ensemble. Hierher, an das Ende der sozialistischen Welt, wurden aber Künstler strafversetzt, die in Prag politisch nicht genehm waren. Diese aber machten aus der Not eine Tugend: Weit weg von der Hauptstadt war ein freies Wort, politische Anspielungen, ein Repertoire von freiheitsbezogenen Theaterstücken, leichter möglich, als irgendwo sonst in der ČSSR. Das Theater in Cheb wurde – von den Kommunisten unbemerkt – zu einem „geheimen Wallfahrtsort“ der Sehnsucht nach Befreiung.

 

Davon wusste man sogar in Deutschland. Schon 1968 konnte man in der Zeitschrift DER SPIEGEL lesen: „Unfrisierte Gedanken sind auch im Stadttheater von Cheb (Eger) zu hören, wo Sartres „Schmutzige Hände“ aufgeführt werden, die Geschichte eines politischen Attentäters, der das Opfer des gewandelten Parteikurses wird.“

 

In den Jahren 1968 („Prager Frühling“) und 1989 („Samtene Revolution“) wurde das Theater von Cheb zu einem geheimen Versammlungsort. Hier konnten die heimgekehrten Prager Studenten über das – von den Medien verschwiegene – aktuelle Geschehen in der Hauptstadt informieren, hier konnten diese erfahren, was man in Cheb aus den Nachrichtensendungen des Deutschen Fernsehens wusste.

 

Nach der Wende wurde das Theater in „Západočeské divadlo“ (Westböhmisches Theater) umbenannt. Es genießt einen hervorragenden Ruf. Immer wieder wird sein Schauspielerensemble zur Teilnahme am Theaterwettbewerb „České divadlo“ in Prag eingeladen, und es konnte dort zahlreiche Preise erringen.

Auch heute noch beteiligt sich dieses Haus an der politischen Meinungsbildung. Hier ist, zum Beispiel, das Schauspiel „Cejch“ (Brandzeichen) zu erwähnen, das sich mit dem Thema der Zwangsaussiedlung der seit Jahrhunderten ansässigen deutschen Bevölkerung befasst – und mit der Erinnerung an diese schwere Zeit einen Beitrag zur Versöhnung leistet.

 

Günther Juba

 

Foto:

Das Westböhmische Theater in Cheb

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 1.9.2015 / 1.9.2015

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