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Kunstwerke von einzigartiger Schönheit

Kunstwerke von einzigartiger Schönheit Barockbildhauer Johann Karl Stilp

Kunstwerke von einzigartiger Schönheit

Barockbildhauer Johann Karl Stilp

 

Als im Jahre 1685 in Waldsassen der Bau der Stiftskirche (heute Basilika) begann, sollte ihre Größe und Schönheit dem erstrebten Rang als das Gotteshaus eines wieder reichsunmittelbaren Klosters entsprechen. Abt Albert Hausner engagierte den berühmten Baumeister Abraham Leuthner aus Prag, sowie als dessen Nachfolger seine genialen Schüler Georg und Christoph Dientzenhofer. Ebenfalls aus Prag kamen die Maler Jakob Steinfels und Jean-Claude Monot. Giovanni Battista Carlone hatte sich als Stuckateur des Doms von Passau für seine Tätigkeit in Waldsassen qualifiziert.

Ausgerechnet aber für die Gestaltung des Hochaltars – weißer Marmor, der mühevoll aus den Salzburger Alpen herbeigebracht worden war – engagierte der Abt „nur den Nächstbesten“, den Sohn seines ehemaligen Schreiners. Es war eine kluge Entscheidung.

Johann Karl Stilp wurde im Jahre 1668 in Waldsassen geboren. Seine erste Ausbildung erhielt er von seinem Vater. Als dieser verstarb, ging er mit 16 Jahren auf Wanderschaft und erlernte dabei die Kunst der Bildhauerei, vermutlich in Böhmen. Wann er wieder in seine Heimat zurückkehrte, ist nicht bekannt. Abt Albert Hausner erkannte die außergewöhnliche künstlerische Begabung des jungen Mannes und erteilte ihm den Auftrag, den Hochaltar der Stiftskirche zu gestalten. Stilp war erst 22 Jahren alt, als ihm ein einzigartiges Meisterwerk gelang.

Die beiden Hauptfiguren zeigen, wie der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündet, dass sie die Mutter Jesu Christi werden solle. Maria fällt demütig auf die Knie und nimmt die Botschaft des Engels gehorsam an. Eine Besonderheit ist der goldene Kugeltabernakel. Er symbolisiert das Reich Gottes auf Erden. In seiner Vergoldung spiegelt sich der ganze Kirchenraum. Karl Stilp hatte Sinn für Humor: In der Mitte seines Kunstwerkes, hinter dem Altarkreuz – versteckt vor den strengen Blicken des Abtes – sind zwei Engelchen zu entdecken, die etwas tun, das man in einer Klosterkirche nicht erwarten würde: Sie küssen sich.

Nicht nur der Hochaltar wurde von Karl Stilp geschaffen, sondern auch die Apostelfiguren über dem Chorgestühl, die Heiligen am Marienaltar und an weiteren Seitenaltären, vermutlich auch der Orgelprospekt. Karl Stilp konnte sich nun ein Haus mit einer Werkstatt in Eger (Cheb) kaufen. Hier erwarb er im Jahre 1697 auch das Egerer Bürgerrecht.

Seine Werke sind nicht nur in Waldsassen und im Stiftland (z. B. der Akanthus-Altar in der Pfarrkirche Leonberg) zu finden, sondern auch in vielen Kirchen des Egerlandes. Hier arbeitete er z. B. in der Wallfahrtskirche Maria Kulm (Chlum Svaté Maríy). Auch die barocke Pestsäule auf dem Marktplatz von Elbogen (Loket) wurde nach seinen Entwürfen gebaut.

 

Im Jahre 1724 wurde Eugen Schmid, der Bibliothekar des Klosters, neuer Abt in Waldsassen. Seine hohe Wertschätzung des Buches sollte in einem besonderen Bibliothekssaal sichtbar werden. Mit der künstlerischen Gestaltung beauftragte er Karl Stilp. Als dieser 1725 mit der Arbeit begann, war er bereits 58 Jahre alt und nach einer Pockenerkrankung vermutlich von deren Folgeschäden belastet. Dennoch schuf er in diesem Saal ein bewundernswertes, ganz einmaliges Meisterwerk.

Die Empore wird von zehn lebensgroß gestalteten Männern auf ihren Schultern getragen.

Diese Atlanten können auf unterschiedliche Weise gedeutet werden:

1. Sie stellen menschliche Schwächen dar, welche durch das Lesen von geistvollen Büchern abgebaut werden sollen: Ignoranz (ichbezogenes Weltbild), Verdummung (Verwahrlosung), Eitelkeit, (läppische) Neugierde, Heuchelei (Intrige), Spottlust, Prahlerei, Überheblichkeit, Eigensinn und Trotz.

2. Vielleicht handelt es sich hier um Romanfiguren aus „Daß Narrenschyff ad Narragoniam“ von Sebastian Brant, dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch vor der Reformation.

3. Es werden die Personen dargestellt, die mit der Herstellung von Büchern zu tun haben: Lumpensammler, Hirte, Papiermüller, Metzger, Buchbinder, Verleger, Schriftsteller, sowie Buchhändler und Kritiker.

Die rätselhafte Mehrdeutigkeit dieser Gestalten scheint jedoch beabsichtigt zu sein, als Anregung für Geist und Phantasie des Betrachters.

Mit großer Sensibilität gelang Stilp die Darstellung unterschiedlicher Charaktere. Erstaunlich und ganz einzigartig aber ist, dass jedes Gesicht seinen Ausdruck völlig verändert, je nachdem, aus welcher Richtung man es betrachtet – auch hier eine Mehrdeutigkeit, die den Wandel und die Widersprüche in der menschlichen Geisteshaltung vor Augen führt.

Mit der letzten Skulptur hat sich der Künstler selbst vorgestellt, vermutlich aber erst auf Wunsch von Abt Eugen Schmid. Sie zeigt einen bärtigen, sehr bescheidenen und in sich gekehrten Mann. Sein Gesicht ist von Pockennarben übersät. Auch die eigene Charakterdarstellung lässt – je nach Blickrichtung des Betrachters – menschliche Schwächen erahnen: Unzufriedenheit, Trotz und Einsamkeit.

 

Der Hochaltar der Stiftskirche Waldsassen stand am Anfang, der Bibliothekssaal des Klosters am Ende seines wunderbaren Lebenswerks.

Johann Karl Stilp verstarb 1735 (oder 1736?) in Eger.

Seine sensibel gestalteten Figuren sind Meisterwerke von einzigartiger Schönheit, die von Besuchern aus allen Ländern der Welt bewundert werden. Obwohl Stilp seit seinen Lehrjahren das Stiftland und das Egerland nie mehr verlassen hat, werden seine Skulpturen immer wieder begeistert mit den berühmtesten Werken der Kunstgeschichte verglichen.

 

Günther Juba

Fotos:

Marmoraltar von Karl Stilp

Hochaltar zu Ehren der Dreifaltigkeit

Selbstdarstellung von Karl Stilp

Blick in den Bibliothekssaa

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 29.5.2019 / 29.5.2019
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