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Humor, den man nur in Tschechien versteht

Humor, den man nur in Tschechien versteht Jára Cimrman, ein frei erfundener Nationalheld

Humor, den man nur in Tschechien versteht

Jára Cimrman, ein frei erfundener Nationalheld

 

Mitten durch die Fußgängerzone von Cheb/Eger zieht sich wie ein eisernes Band, die „Zeitachse“. Auf ihr sind die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte der Stadt eingetragen.

Bei der Jahreszahl 1900 allerdings findet man einen Eintrag, der für Fremde ganz unverständlich ist: „Der böhmische Genius Jára Cimrman trank im Stöckl in Eger ein Bier.“

Erstaunt fragt man sich, was daran besonders sein soll, wenn jemand in Eger ein Bier getrunken hat. Noch rätselhafter wird diese Inschrift wenn man erfährt, dass es einen Herrn, namens Jára Cimrman nie gegeben hat. So wundert man sich schon sehr darüber, dass die Tschechen diesen Eintrag in der Zeitachse auch noch besonders lustig finden.

Derartiger Humor ist kaum zu „übersetzen“, denn er setzt die Einfühlung in die Situation der Menschen zur Zeit der ehemaligen ČSSR voraus.

 

Verkleideter politischer Protest

 

Zu der Zeit, als viele Menschen in Tschechien das Gefühl hatten, ihr Land sei nur ein Kolonialstaat im übermächtigen Sowjetimperium, wurde das frei erfundene Universalgenie Jára Cimrman zur Symbolfigur der Gedankenfreiheit für die unterdrückten Menschen in der ČSSR.

 

Im Jahre 1966 wurde das Jára-Cimrman-Theater gegründet. Die Vorstellungen hatten Leben und Werk Cimrmans zum Thema  und waren immer ausverkauft. Schauspieler präsentierten dabei als „Wissenschaftler“ (Cimrmanologen) in jedem Stück neue Funde und Entdeckungen, bevor dann ein Stück „aus der Hand des Meisters“ aufgeführt wurde. Phantasievoll erdachte Kuriositäten und „bewundernswerte“ Ereignisse – oft mit versteckten Anspielungen auf die aktuelle politische Situation – begeisterten das Publikum so sehr, dass ein ganzes Volk darüber zu lachen begann und Jára Cimrman bald im ganzen Land bekannt war.

 

Der kommunistische Staatssicherheitsdienst der Tschechoslowakei  besuchte regelmäßig die Aufführungen des Prager Cimrman-Theaters. „Eine Passage darin ist so geschrieben und wird so aufgeführt, dass der Zuschauer keinen Zweifel mehr daran haben kann, dass damit gegen die Meinungs- und Redefreiheit in der heutigen Tschechoslowakei protestiert werden soll“, schrieb ein Agent in seinem Bericht. Da aber in allen Stücken vorgeblich nur die politische Situation vor dem Ersten Weltkrieg parodiert wurde, hatte man keine Handhabe, dagegen einzuschreiten. Das Publikum lachte nicht nur über das Schauspiel, sondern auch noch über die Staatsspitzel im Zuschauerraum.

 

Der sonderbare Lebenslauf des Jára Cimrman (ca. 1854 –1914) wurde stets mit sehr viel Phantasie weitergesponnen: Demnach war dieses vergessene und nun wiederentdeckte „Genie“, Dramatiker, Philosoph, Gynäkologie-Autodidakt, kreativer Skiläufer, ein vertrauter Freund und Lehrer von Albert Einstein, Begründer der Philosophie des „Externismus“, vor allem aber ein bedeutender Erfinder, dessen kuriose Einfälle von den Zuschauern mehr „bewundert“ wurden als die stolz verkündeten technischen Erfindungen aus der Sowjetunion.

Cimrman war angeblich Mitarbeiter von Graf Zeppelin, mit dem er das erste Luftschiff konstruierte, Beinahe-Entdecker des Nordpols und geistiger Vater des Panamakanals. Nach der Erfindung der Glühbirne soll er leider auf dem Weg zum Patentamt aufgehalten worden sein, so dass ihn Thomas Alva Edison um ca. 5 Minuten zuvorkam. Man sagt, dass Cimrman an der Konstruktion des Eiffelturms in Paris einen entscheidenden Anteil hatte. Zu seinen praktischen Erfindungen zählen der Dreifachhammer, mit dem drei Nägel auf einmal eingehämmert oder ausgezogen werden konnten und das Dienst-Fahrrad für Feuerwehrleute.

 

Virtueller Held eines ganzen Volkes

 

Die Popularität Jára Cimrmans ist für Ausländer kaum begreiflich. In vielen tschechischen Städten wurden seit der Wende sogar Straßen nach ihm benannt. Im Untergeschoß des Aussichtsturms am Prager Laurenziberg (Petřin) befindet sich ein Cimrman-Museum. Es gibt ein „Fachmagazin“ (Cimrman-Report), und 1996 erhielt ein von tschechischen Astronomen entdeckter Asteroid den Namen ”Járacimrman”. Auch Václav Havel, der ehemalige tschechische Präsident, war von diesem imaginären Nationalhelden begeistert. Im Cimrman-Museum ist sein Eintrag in das Gästebuch ausgestellt: “Cimrman überlebt uns alle!”

 

Tatsächlich hat die Popularität Cimrmans auch nach dem Ende der kommunistischen Ära nicht nachgelassen: Im Jahre 2005 startete das Tschechische Fernsehen eine Umfrage für die Sendung „Der größte Tscheche“ (Největší Čech). Eine Mehrheit votierte für Cimrman, der damit sogar Persönlichkeiten wie Karl IV., Comenius und Václav Havel übertraf. Als eine frei erfundene Persönlichkeit wurde er nachträglich vom Wettbewerb ausgeschlossen, was in der Bevölkerung große Empörung hervorrief.

 

Verliebt in eine Egerer Wirtin

 

In Cheb hätten es viele Leute sehr bedauert, wenn Jára Cimrman nie in seinem Leben in ihrer Stadt gewesen wäre. Als zur 950-Jahr-Feier der Stadt die sogenannte Zeitachse errichtet wurde, fand sich für das Jahr 1900 kein besonders herausragendes Ereignis. So richtete der damalige Bürgermeister, Dr. Jan Svoboda an die Prager „Cimrmanologen“ die Anfrage: „ Ich bin davon überzeugt, dass Jára Cimrman im Jahre 1900 die Stadt Cheb besucht hat.“

Diese „entdeckten“ daraufhin eine Eintragung in dessen Reisetagebuch. Damit hatte man den „unwiderlegbaren Beweis“ dafür, dass dieser tschechische Genius auch nach Cheb gekommen  ist. Er übernachtete hier nach einem Kuraufenthalt in Karlsbad auf seiner Reise nach Stuttgart, wo er als Berater von Graf Zeppelin unterwegs war. Besonders gefiel ihm das Fachwerk des Egerer Stöckl, wo er ein Bier trank und sich in die Wirtin so sehr verliebte, dass er sogar ein kleines Gedicht über „das Ännchen“ verfasste.

 

Diese „offizielle Bestätigung“ aus Prag wurde daraufhin Anlass für den Eintrag zur Jahreszahl 1900 in die sogenannte Zeitachse der Egerer Fußgängerzone: „Der böhmische Genius Jára Cimrman trank im Stöckl in Eger ein Bier.“  Wer nicht daran glauben will, wird vielleicht durch die beiden Fußabdrücke im Pflaster zu überzeugen sein.

Günther Juba

Fotos:

Eintrag eines frei erfundenen Ereignisses auf der Zeitachse in Cheb/Eger

Das Fahrrad für die ganze Familie, eine der „genialen“ Erfindungen Cimrmans

 

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 8.2.2017 / 8.2.2017

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