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„Heilige Leiber“ in der Basilika Waldsassen

Die größte Reliquiensammlung nördlich der Alpen

Wenn man die Basilika Waldsassen betritt, fällt der Blick zunächst auf den mehr als 82 Meter entfernten Hochaltar. Die einzigartige Marmorskulptur (Mariä Verkündigung) des einheimischen Bildhauers Karl Stilp, sowie das eindrucksvolle Gemälde (Tod am Kreuz) des Franzosen Jean Claude Monot – Anfang und Ende im Leben Jesu – sind die dominanten Kunstwerke dieses Gotteshauses.

Die meisten Besucher betrachten erst danach das Hauptschiff der Kirche, denn hier ist es nicht so hell wie im Chorraum und in der Vierung. Der Anblick der Seitenaltäre wird oft als gruselig empfunden, denn hier befinden sich in gläsernen Schreinen die „Heiligen Leiber“, Gebeine von Märtyrern, die von 1688 bis 1765 aus den Katakomben von Rom hierher gebracht wurden. Der Klosterbruder Adalbert Eder fügte diese Knochen zusammen, ergänzte fehlende Teile durch Schnitzereien und kleidete sie in wertvolle Gewänder.

Waldsassen besitzt seitdem die größte Reliquiensammlung nördlich der Alpen. Von diesen Märtyrern erhofften die Gläubigen Fürsprache bei Gott für das Seelenheil der Gläubigen und deren verstorbenen Angehörigen. Sie wurden als Schutzpatrone verehrt. „Ora pro nobis“ (Bitte für uns!) ist an ihren gläsernen Schreinen zu lesen. Die Basilika – ehemals „Stiftskirche“ des Klosters – wurde deshalb zum Ziel vieler frommer Wallfahrer. Seit dem Jahre 1765 wird am ersten Sonntag im August in der Basilika das „Heilige-Leiber-Fest“ gefeiert, bei dem viele der kostbar gefassten Reliquien zur Verehrung ausgestellt werden. Sechs vollständige „Heilige Leiber“ liegen in den Seitenaltären des Hauptschiffes, vier stehen an den beiden Altären in der Vierung – so gestaltet, als wären sie noch lebendig, um auf „die Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18), hinzuweisen.

 

Ein Rückblick auf die Entstehungszeit dieser Kirche macht den Geist der Reliquienverehrung verständlich: Nachdem der calvinistische Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz im Jahre 1619 zum Böhmischen König gewählt worden war, führte er am 23. und 24. Oktober in Waldsassen (an der Grenze seines Territoriums zu Böhmen) Verhandlungen mit den Gesandten aus Prag. Als er aber als „Winterkönig“ die Schlacht auf dem Weißen Berge verloren hatte, kam die Oberpfalz in den Besitz des katholischen Kurfürsten Maximilian I. von Bayern. Nach über 100 Jahren konnte in Waldsassen das Kloster wieder neu erstehen. Im Jahre 1685 begann der Bau der barocken Stiftskirche. Im Sinne der „Gegenreformation“ wollten die Mönche die Bewohner des Stiftlandes vom ernsten Geist des Protestantismus durch eine fröhliche Frömmigkeit für die katholische Konfession zurückgewinnen. Die Gläubigen sollten den Tod als den ersehnten Eintritt in ein besseres Leben im Jenseits erwarten.

 

Anders als im Mittelalter sollten deshalb in der Barockzeit die Gebeine der Märtyrer nicht mehr als furchterregend empfunden werden, denn Leben und Tod wurden nun als Einheit betrachtet. In dem meist heiteren bayerischen Bühnenstück „Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies“ von  Franz von Kobell wird dieser barocke Geist, die Verbindung von irdischer Welt und dem Jenseits, anschaulich dargestellt.

In diesem Sinne ist es auch kein Widerspruch, dass in der Basilika die Heiterkeit erlaubt ist:

Ein heiteres Staunen löst das Vexiergemälde des „Waldsassener Schimmels“ aus. Humorvoll erscheinen auch die vor den Blicken des gestrengen Abtes gut versteckten küssenden Engel, mitten am Hochaltar. Sogar herzhaft lachen darf man über eine Putte, die – hoch über dem Eingang zur Sakristei – die feierlich einziehenden Klosterbrüder mit ihrem nackten Po nicht gerade respektvoll begrüßt.

 

Günther Juba

Fotos: Fast lebendig erscheinen die stehenden Reliquien am Bernhards- und am Marienaltar.

Am Apostelaltar und den anderen Seitenaltären des Hauptschiffs sind die Reliquien in liegender Position

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 1.11.2017 / 1.11.2017
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