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Freiheit, ein lange unerfüllter Traum

Cheb am Rande des Sowjetimperiums

Nachdem die deutschen Bürger im Jahre 1946 Eger verlassen hatten, war die Stadt fast menschenleer. Sie bekam den tschechischen Namen Cheb. Aus allen Teilen des Landes wurden Tschechen und Slowaken hier angesiedelt.

Diese neuen Einwohner beschrieben für die im Jahre 2011 eröffnete Ausstellung „950 Menschen und Schicksale in Cheb“ ihr Leben in der neuen Umgebung.

Viele von ihnen wurden aus beruflichen Gründen einfach hierher versetzt. Andere suchten hier wegen der Wohnungsnot und auf der Suche nach einem Arbeitsplatz ihr Glück.

So schreibt F. M.: „Im Jahre 1946 entschlossen wir – meine Frau und ihre Eltern – uns, unser Glück mit einer Ansiedlung im Grenzgebiet zu suchen – und so waren wir plötzlich in Cheb.“

 

Die neuen Bewohner kamen in eine Stadt, die teilweise zerstört war und die schon im Februar 1948 unter kommunistische Herrschaft geriet. Wer damals noch auf ein „sozialistisches Arbeiterparadies“ hoffte, wurde sehr schnell bitter enttäuscht. Bald fühlten sich die Menschen im Abseits, am Rande des Sowjetimperiums, als Bewohner eines vom russischen „Brudervolke“ dominierten Kolonialstaates.

 

Auf einen Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Häuser mussten die Menschen lange warten. Deshalb konnte sich M. K. noch gar nicht vorstellen, dass die Stadt zu ihrer zweiten Heimat werden sollte: „Als ich zuerst Cheb gesehen hatte … dachte ich, dass ich nicht einmal nach meinem Tod hier sein möchte!“

 

  1. C. beschreibt seine ersten Eindrücke: „Nach Eger bin ich eingerückt als Soldat im Jahre 1958. Damals war der Egerer Marktplatz und eigentlich die ganze Stadt eine einzige Ruine. Der Bahnhof – das waren mehrere Holzbauten, wo jeder Ankömmling von Soldaten kontrolliert wurde.“

 

Über seine Schulzeit schreibt P. K. : „Im Schulwesen der damaligen Zeit gab es viele Veränderungen und Experimente. So waren wir während des Studiums einmal wöchentlich zur praktischen Arbeit verpflichtet. Zusammen mit unserem Abiturzeugnis haben wir auch noch  einen  Gesellenbrief als Maurer bekommen. An unsere Studentenbauten denke ich gerne zurück und bis heute kontrolliere ich ihren Zustand.“

 

Durch die kommunistischen Machthaber wurden die Menschen in der ČSSR unterdrückt, ebenso wie die Bürger der DDR. So wurden Ostdeutsche und Tschechen zu Leidensgenossen – und die gemeinsame Notsituation hatte manchmal auch eine völkerverbindende Wirkung:

  1. R., eine sehr warmherzige Frau, hat dies bis heute nicht vergessen:„Zu meinen größten Erlebnissen in Eger gehörte es, wenn ich beobachtet habe, wie Verwandte aus dem geteilten Deutschland sich getroffen haben. Aus dem Fenster des Hauses auf dem Kasernenplatz, wo ich wohnte, hatte ich eine schöne Aussicht auf die Kirche und den Hang darunter. Menschen, die sich lange Jahre nicht gesehen hatte, sind hier gesessen, umarmten sich und weinten –  und ich mit ihnen auch.“

 

Das Jahr 1968, der „Prager Frühling“ brachte nur für eine sehr kurze Zeit Hoffnung auf Besserung der Lebensbedingungen.

Die Enttäuschung kam plötzlich und unerwartet. A. V. schreibt:

„In der Nacht kam meine erschrockene Mutter und sagte, dass der Krieg beginnt, überall sind die Panzer. Zdeňka und ich fragten nur: ‚Die Deutschen?!‘ – ‚Nein, die Sowjetischen‘… Wir weinten sehr, wir verstanden gar nicht, weil bisher wir die Sowjetischen für unsere Brüder hielten, wie wir in der Schule lernen.“

 

Rigoros waren die sog. „Säuberungen“ durch die Kommunisten.

Darunter hatte V. Č., eine engagierte, überaus beliebte Lehrerin, über zwei Jahrzehnte zu leiden. Bei einem Gespräch im August 1968 hatte sie das Wort „Invasion“ ausgesprochen. Sie wurde verraten und durfte ihre Schule nicht mehr betreten. Stattdessen wurde sie zu allen Arbeiten gezwungen, die niemand gerne tun will.

Ähnlich erging es L. M.: „Nach dem Jahre 1968 wurde er als „hartnäckiger Anhänger der Rechten und als Feind des Sozialismus“ bezeichnet und auf die Straße geworfen.“

  1. R. war damals noch Student: „Eine totale ‚Gehirnwäsche‘ hat für mich das Studium an der Karlsuniversität bedeutet. Bei den ideologischen Prüfungen bin ich durchgefallen.“

 

Dass – trotz aller Schikanen – viele Tschechen ihren Humor nicht verloren haben, berichtet K. N.:

„Ein alter Bewohner von Eger, der die politisch-geschichtlichen Epochen von der Kaiserzeit bis zur Jetztzeit miterlebt hatte, wurde gefragt, wie er diese verschiedenen Zeitabschnitte empfunden habe. Er antwortete: ‚Nie waren wir so schön unterdrückt, wie unter den Österreichern!‘ …“

 

Noch über 21 lange Jahre mussten die Menschen darauf warten, bis sie sich mit der „Samtenen Revolution“ (November 1989) vom Kommunismus befreien konnten.

  1. A. schreibt: „Ich erinnere mich gern an das Jahr 1989, als es zur Manifestation kam und die Leute auf dem Marktplatz standen und mit Schlüsseln klingelten,“ und J. D. ergänzt: „ … alle sangen die Nationalhymne, viele von uns hatten Tränen in den Augen.“

Zusammenfassend stellt J. R. fest: „Wenn ich mir einen Wendepunkt der Geschichte vorstellen soll – und wo ich ihn verbracht habe – dann ist dies bestimmt der November 1989…“

 

„Zu den wichtigsten Momenten in der Geschichte Egers, an die ich mich erinnere, gehört der Besuch des Präsidenten Václav Havel kurz nach der Wende, Anfang 1990,“ erinnert sich J. K.  „Das Wetter war sehr schlecht, es regnete sehr stark, wir hatten keinen Regenschirm mit – und unser Herr Präsident hatte eine Stunde Verspätung! Endlich ist er gekommen, sprang auf eine Holzbrüstung und entschuldigte sich bei uns allen. Er sprach davon, dass wir uns auf einen Aufschwung des Fremdenverkehrs vorbereiten sollen, zu dem es nach der Grenzöffnung kommt.“

 

Bis zum heutigen Tage fühlt sich J. Š. erleichtert: „Die Zeit, am Ende der Welt zu leben, ist nun Vergangenheit.“

 

An dem seit mehr als vierzig Jahren geschlossenen Grenzübergang von Svatý Kříž nach Waldsassen war im Laufe der Zeit ein Wald entstanden. Arbeiter erhielten den Auftrag, die Bäume zu fällen, damit wieder eine Straße nach dem Westen gebaut werden konnte. Dabei wurden sie von Deutschen jenseits des Schlagbaums beobachtet.

Plötzlich stiegen diese Männer über den Schlagbaum. Sie hatten zwei Kisten mit Bier dabei, um mit den tschechischen Arbeitern gemeinsam die baldige Öffnung der Grenze zu feiern. „Prost“ und „na zdraví“ waren die ersten Wörter einer freundschaftlichen Annäherung.

Dies war ein fröhlicher Anfang der neuen Nachbarschaft mit dem noch unbekannten Bayern.

 

Günther Juba

 

Fotos:

o       Der Wiederaufbau der Stadt ließ lange auf sich warten.

o       In Plattenbauten wurde neuer Wohnraum geschaffen.

o       August 1968: Sogar vor dem Rathaus wagten die Bürger von Cheb einen Protest gegen die Invasion.

o       Die erste grenzüberschreitende Begegnung mit den neuen Nachbarn

 

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 30.3.2015 / 30.3.2015

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