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Bitterer Abschied

Erinnerungen an die Vertreibung der deutschen Bürger

Nach dem II. Weltkrieg kam es zur Zwangsaussiedlung fast aller Deutschen aus Eger.

Für die Ausstellung „950 Menschen und Schicksale“ in der Nikolauskirche haben ehemalige Bürger der Stadt auch den schweren Abschied aus der Heimat beschrieben:

 

  1. S., ein damals 4½-jähriges Mädchen erinnert sich:

„Ich besaß ein Schaukelpferd. Das war aber kein Pferd, sondern ein wunderschöner Gockelhahn, bunt und schwarz lackiert. Diesen Gockel liebte ich über alle Maßen und saß fast Tag und Nacht darin. Ich aß und spielte immer nur in meinem Schaukelgockel und es bedurfte großer Überredungskunst, mich daraus zu entfernen.

Zur Zeit der Vertreibung erschien ein junger Tscheche, der uns den Abtransport verkündete.

Er sah mich in meinem Schaukelstuhl, hob mich mit einem Ruck heraus und bemerkte nebenbei, dass er zwei kleine Kinder zu Hause habe, die sich sehr über das Schaukelpferd freuen würden.

Er nahm es sofort mit. Ich weinte, tobte und trommelte mit den Fäusten auf ihn ein und schrie immer wieder, bis mir die Stimme versagte: „Du böser Mann, du böser Mann!“

Meine Mutter hielt mich fest, um mich zu beruhigen.

Bis heute noch sehe ich meinen heißgeliebten  Schaukelgockel vor mir und könnte ihn malen.

Ich habe dieses Erlebnis nie vergessen.

Meine Schwester… und ich besaßen kleine Kinderstühlchen aus Holz, die wir sehr liebten. Beide konnten wir uns  nicht von ihnen trennen und hielten sie als wichtigstes Eigentum hinter uns fest.

Mit diesen Stühlchen am Hintern wurden wir verfrachtet, und da diese Stuhlbeine sehr sperrig waren, durften wir alle auf  der Plattform des Zuges bleiben.

Das war unser Glück, denn da zu viele Menschen in die Waggons gedrängt wurden, überlebten einige den Transport in den Viehwaggons nicht.

Wir kamen in ein Sammellager mit doppelstöckigen Eisenbetten.“

 

Die damals 23-jährige A. P. erinnert sich:

„Dann kam die schwerste Zeit unseres Lebens, die Aussiedlung. …Es war grausam hart!

Nur 80 kg durften wir mitnehmen!  Und das ist wenig, wenn man aus einem voll eingerichteten Haus den dringendsten Bedarf auswählen soll. Alles was uns lieb war, musste bleiben. Alles Geschirr, beinahe alle Wäsche (denn Wäsche ist schwer!), Schuhe, Kleidung, alle Bücher, natürlich auch Teppiche, Möbel, Vorhänge, Bilder, das Klavier, das Hauskreuz und, und, und!  – Eben einfach trostlos!  Wir weinten alle bitterlich.

Wir  wurden untersucht und alles gewogen.

Dann kamen wir in ein ehemaliges Schulzimmer mit Stockbetten und pro Schulzimmer ca. 20 Personen, die meisten davon kannten wir nicht.

Mehrere Tage blieben wir dort, dann ging es zum Bahnhof.  Wir wurden in Viehwaggons verladen. Diese Vertreibung, noch dazu mit einem 4 Monate alten Säugling – ich war inzwischen Mutter geworden – war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich war in einem Waggon mit lauter Müttern mit Babys. Die Kinder schrien vor Hunger… .

Ab und zu hielt der Zug mal an, damit wir unsere Notdurft verrichten konnten, und weiter ging es.

Eines Tages kamen wir in einem Ort im Reich an. Dort hielt der Zug und wir durften aussteigen. Als Erstes haben uns die Reichsdeutschen mit Flohpulver besprüht, was uns sehr gekränkt hat. Dann wurden wir auf die einzelnen Orte verteilt.“

 

Als die Vertriebenen in Deutschland ankamen, mussten viele erleben, dass sie bei der einheimischen Bevölkerung, die selbst unter den Folgen des Krieges zu leiden hatte, nicht willkommen waren, denn sie wurden zwangsweise die Häuser der Ortsansässigen einquartiert.

 

  1. W. erinnert sich:„… Wir bewohnten .. zwei winzige Zimmer im Dachgeschoß eines Einfamilienhauses. Der Eigentümer ließ uns spüren, dass wir ungebetene Eindringlinge waren.“

 

Der Neuanfang ist den Vertriebenen sehr schwer gefallen.

  1. S. schreibt: „Vater hat schwer darunter gelitten, dass er alles, was er sich aufgebaut hatte, verloren hatte und nun in einem kleinen Bauernhof in zwei kleinen Kammern leben musste.

Ein Neuanfang scheiterte am fehlenden Geld. So wurde er Straßenwärter. ….Alle unsere Verwandten wurden über ganz Westdeutschland zerstreut. So war es für uns schwer, zusammen etwas Neues aufzubauen.

Aber durch Sparsamkeit und Arbeit fand jeder doch wieder eine neue Heimat.“

 

  1. P. erinnert sich: „Wir waren bei den Einheimischen nicht willkommen, litten unter Hunger, Kälte und unter absurden wohnlichen Bedingungen. Mein Vater verwand die neuen Umstände nicht, er verstarb im Winter 1947, und meine Mutter versorgte unter großen Entbehrungen meine ältere Schwester und mich. 1951 zogen wir das erste Mal um, in die Stadt … und in eine richtige Wohnung.“

 

Wie schwer das Leben der Flüchtlinge war, beschreibt auch H. O.:

„Für das Wenige was wir zum Essen hatten, musste meine Mutter bei den Bauern schwerste Feldarbeit machen. Wäsche waschen für ein kleines kaltes Zimmer,  … putzen und melken für ein bisschen Milch. Was meine Mutter in dieser Zeit geleistet hat, ist unvorstellbar.

Die Flüchtlingsfrauen hatten einen sehr guten Zusammenhalt, was vieles erträglich machte.

Ich habe mich in eine Fantasiewelt geflüchtet und gemalt und gebastelt.“

 

Günther Juba

 

Fotos:

o   Die Menschen mussten in Güterzügen Eger verlassen

o   Ankunft in Deutschland. Unterbringung in einem Durchgangslager.

o   Notunterkunft einer Familie. Der Vater war noch in Gefangenschaft.

o   Die Zeitachse erinnert an das Jahr 1946

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 28.1.2015 / 28.1.2015

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