Touristisches
Infozentrum Cheb

Ein Kachelofen auf Reisen?

Der Egerer Ofen von Willy Russ

Ein Kachelofen auf Reisen?

Der Egerer Ofen von Willy Russ

 

Obwohl diese Sehenswürdigkeit nicht aus der Zeit des Mittelalters stammt, sollte kein Besucher der Egerer Burg versäumen, den einzigartigen Kachelofen des Bildhauers Willy Russ zu besichtigen.

Der Wert dieses außergewöhnlichen Kunstwerks wird auf 5,5 Millionen Kronen (fast 220.000 Euro) geschätzt. Dies schafft Begehrlichkeiten: Die Stadt Loket (Elbogen) möchte den historischen Ofen zurückbekommen.

Im Jahre 1938 wurde der Kachelofen für eine volkskundliche Ausstellung des Egerer Museums bei dem Künstler Willy Russ in Auftrag gegeben. Dieser Bildhauer hatte, als Schöpfer der bronzenen Goethe-Statue in Marienbad, einen ausgezeichneten Ruf. Als der Kachelofen im Jahre 1943 fertiggestellt war, konnte er nicht nach Eger ausgeliefert werden, denn dies war im II. Weltkrieg zu gefährlich. Stattdessen wurde er aus der Werkstatt in Schönfeld (heute Krásno nad Teplou) in die nahegelegene Burg Elbogen gebracht, um ihn hier vor den Bombardierungen zu schützen.

Nach dem Krieg baute man den Kachelofen im Elbogener Porzellanmuseum auf. Er ist ein außergewöhnliches Kunstwerk und außerdem auch ein historisches Dokument über die deutsche Vergangenheit des Egerlandes. Deshalb bezeichneten ihn die kommunistischen Machthaber im Jahre 1965 als „ideologisch unerträglich“ – und man verbannte ihn in den Keller.

Das Egerer Museum (Chebské Muzeum) konnte ihn von dort im Jahre 1982 endlich an seinen Bestimmungsort bringen. Im Jahre 1995 wurde der Kachelofen in der Egerer Burg aufgebaut.

 

Nachdem die Stadt Loket ihre Kunstsammlungen von Staat zurückerhalten hat, erhebt sie jetzt auch noch Anspruch auf den berühmten Egerer Ofen. In Cheb reagiert man auf diese Forderung mit großer Gelassenheit: „Dieser Ofen nennt sich Egerer volkskundlicher Ofen, und schon aus seiner Benennung ergibt sich, dass er nicht nach Loket gehört,“ so Bürgermeister Petr Navrátil. Nur um ihn vor den Bombardierungen zu schützen wurde er nach Loket gebracht. „Es soll ihn derjenige besitzen, der ihn bezahlt hat.“

Man ist sich sehr sicher, dass der Egerer Ofen nicht nochmals auf Reisen gehen muss.

 

Liebevoller Gruß an die verlorene Heimat

Der Bildhauer Willy Russ wurde im Jahre 1887 in Schönfeld bei Elbogen geboren. Dank seiner künstlerischen Begabung erhielt er ein staatliches Stipendium an der Kunstgewerbeschule, der späteren „Akademie für angewandte Kunst“, in Wien. Schon im Jahre 1910 erhielt eine von ihm gestaltete 145 Quadratmeter große figurale Keramikfassade den ersten Preis der Stadt Wien. Damit wurde der junge Mann zu einem gefragten Künstler.

Der 1. Weltkrieg unterbrach seine Tätigkeit, als Invalide kehrte Russ wieder heim. 1920 übersiedelte er ins heimatliche Schönfeld. Hier richtete er sein Atelier ein, in dem er neben der Bildhauerei auch keramische Arbeiten ausführte. Von 1938 bis 1943 schuf er für das Museum in Eger seinen berühmten Kachelofen. Dieses Kunstwerk ist ein liebevoll gestaltetes Dokument über die Zeit, als Deutsche im Egerland wohnten. Für Willy Russ war es wohl auch ein Abschiedsgruß, denn im Jahre 1946 musste er mit seiner Familie die geliebte Heimat für immer verlassen. Er verstarb 1974 in Merkershausen (Grabfeld).

 

Fröih bal af u aumbd’s spat nieda – esst nea g’schwind u arwat wieda.

Der berühmte Ofen mit seinen farbig glasierten Keramikkacheln ist 3m lang, 1,5m tief und 3m hoch. Der Besucher sollte sich viel Zeit nehmen, denn auch das kleinste Detail ist ein liebevoll gestaltetes Kunstwerk. 76 Stadt- und Gemeindewappen des Egerlandes sind hier zu finden.

Besonders beeindruckend sind die Reliefdarstellungen von Volksbräuchen, darunter die Hutzenstube, das Winteraustragen, das Osterreiten, der Maibaumtanz, der Erntewagen und die Kirchweih. Aus dem Lebenslauf der Menschen findet man einen Kammerwagen, den Hochzeitssegen der Eltern und eine Kindstaufe.

Im Egerländer Dialekt  sind hier 63 Volkssprüche und Redensarten aufgeschrieben, darunter viele Weisheiten, die bis heute noch gültig sind.

Zur Zufriedenheit mahnt: „Kurn, Howan u Ha, graun selt’n alla dra.“ (Korn, Hafer. und Heu, geraten selten alle drei.), zu vorsichtigem Optimismus: „Ma mou af‘s Bests hoffna u af’s Schwiarsta g‘fasst sa.“ (Man muß auf das Beste hoffen und auf das Schwerste gefasst sein.)

Wo es Streit gibt, ist „Bessa schlicht’n wöi richt’n.“ (Lieber schlichten als richten.), denn „A gout’s Wurt findt an gout’n Urt.“ (Ein gutes Wort findet einen guten Ort.)

Ein Rat an die Jugend lautet: „Lern, leist u spar wos – sua bist, koanst u haust wos.“ (Lerne, leiste und spare etwas – so bist, kannst und hast du etwas.), zuversichtlich klingt der Satz: „Fröih afgstand’n, gung g’freit, haut nu nöimatz greit.“ (Früh aufgestanden, jung gefreit, hat noch niemanden gereut.)

Im „Chebsko“, dem ehemaligen Egerland, leben nur noch wenige Deutsche, Menschen die nach dem Krieg nicht aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Bald wird es hier die Egerländer Mundart nicht mehr geben. Dann werden nur noch die Nachbarn aus den angrenzenden deutschen Regionen und einige Nachkommen der Vertriebenen die Inschriften auf dem Kachelofen mühelos verstehen.

 

Günther Juba

 

Fotos (Město Cheb):

o   Der Egerer Kachelofen wird hoffentlich die Burg nicht wieder verlassen müssen.

o   Fröhlicher Tanz unter dem Maibaum (Detail)

o   Der Künstler Willy Russ

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 17.2.2016 / 17.2.2016

Skip to content