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Der „böhmische Händel“ in der Nikolauskirche

Abschlusskonzert des Egerer Orgelsommers 2018

Der „böhmische Händel“ in der Nikolauskirche

Abschlusskonzert des Egerer Orgelsommers 2018

 

Als Franz Johann Xaver Wenzel Habermann im Jahre 1773 an der St.-Nikolaus-Kirche in Eger als neuer „Regens Chori“ (Chordirektor) seinen Dienst antrat, waren viele Leute darüber sehr verwundert, denn er war bereits 67 Jahre alt. Nur die Musikkenner waren begeistert, da sie seine Kompositionen kannten und ihn bewundernd den „böhmischen Händel“ nannten. Offensichtlich erfüllte der Kirchenmusiker in Eger alle Erwartungen bestens, denn als er nach 10 Jahren starb, wurde sein Amt gleich seinem Sohne Franz Johann übertragen.

Habermann wurde am 20. September 1706 in Königswart (Kynžvart) geboren. Nach dem Besuch des Jesuitengymnasiums in Klattau (Klatovy) studierte er Musik in Prag und unternahm dann Studienreisen nach Italien, Spanien und Frankreich. Er arbeitete als Kapellmeister in Paris und dann in Florenz, kehrte aber 1741 nach Prag zurück.

Anlässlich der Krönung Maria Theresias zur Königin von Böhmen schrieb Habermann eine komische Oper, deren Aufführung (1743) so erfolgreich verlief, dass er nun sogar beim hohen Adel engagiert wurde. Als Regens Chori an verschiedenen Prager Kirchen komponierte er Messen und Oratorien. Nachdem einige seiner Werke (1746) im Druck erschienen waren, kannte man den Musiker sogar weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.

 

Warum Habermann „böhmischen Händel“ genannt wurde

 

In England fanden seine Kompositionen das Interesse des weltberühmten Georg Friedrich Händel. Dieser schrieb mit „Jephtha“ (1752) sein letztes Oratorium, ein meisterhaftes Alterswerk. Viele Teile daraus stammen allerdings ursprünglich aus Messen von Habermann: „Händel borgte  (borrowed) Musik aus fünf seiner Messen zur Verwendung in … Jephtha ….“, denn „Habermann war hochgeschätzt für seine Meisterschaft, kontrapunktisch zu schreiben.“

 

Wie aber ist es möglich, dass der große Georg Friedrich Händel von einem böhmischen Kirchenmusiker abgeschrieben („borrowed“ – geborgt) hat?

1. Wenige Jahre vor seinem Tode erblindete Händel mehr und mehr. In einer Randnotiz beim zweiten Akt vermerkte er in deutscher Sprache: „biß hierher komen den 13 Febr. 1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken auges“.

2. Möglicherweise fehlte es ihm in dieser gesundheitlich belastenden Situation auch an der nötigen künstlerischen Kreativität. Das Oratorium sollte aber nicht unvollendet bleiben.

3. Eine Aneignung fremder musikalischer Werke – mit Umgestaltung durch neue Textunterlegung oder musikalische Veränderungen – gab es zu dieser Zeit häufig. Sie wurde nicht als „geistiger Diebstahl“ betrachtet. Für Habermann dürften diese Übernahmen durch G. F. Händel eher eine künstlerische Auszeichnung als ein Ärgernis gewesen sein.

 

Leider geriet Franz Johann Habermann nach seinem Tode bald in Vergessenheit. Deshalb sind die Noten zu vielen seiner Werke nicht mehr auffindbar.

Erst seit einigen Jahrzehnten erinnert man sich wieder an den „böhmischen Händel“.

Die „Missa sancti Wenceslai martyris“ (Messe des heiligen Märtyrers Wenzel) wurde seit 1976 wieder nachgedruckt als „die beste der sechs Messen in Habermanns Opus 1 und das Werk Habermanns von dem Händels am ausgiebigsten borgte.“ Die Schlussfuge des Gloria dieser Messe übernahm Händel sogar unverändert für den Eingangschor des Oratoriums Jephtha.

 

Beim Abschlusskonzert des Egerer Orgelsommers, am 23. September 2018, wird der Chorus Carolinus aus Kladno um 19 Uhr diese Messe in der Nikolauskirche – wo Franz Johann Habermann zehn Jahre lang als Regens Chori tätig war – aufführen.

 

Programm des Egerer Orgelsommers 2018:

 

11. Juli, 17 Uhr, St.-Klara-Kirche:

Orgelkonzert mit Werken von J. S. Bach, J. Seger, J. Kř. Kuchař.  Es spielen Martina Kolářová und Václav Vála

11. Juli, 19 Uhr, St.-Klara-Kirche: Wiederholung des Konzerts

18. Juli, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche:

Konzert für Violine und Orgel, mit Werken von Ch. M. Widor, S. Karg-Elert, A. Honegger, M. Reger, M. Dupré. Es spielen Aleš Nosek und Vítězslav Ochman.

25. Juli, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche:

Orgelkonzert mit Werken von R. Schumann, F. Mendelssohn-Bartholdy, J. B. Foerster, B. Martinů. Es spielt Jan Hora.

1. August, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche:

Konzert für Flöte, Gesang und Orgel, mit Werken von J. S. Bach, G. F. Händel, J. Klička, J. Ropek. Ludmila Vernerová, Sopran – Eva Prchalová, Flöte –Ondřej Valenta, Orgel.

8. August, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche:

Konzert für Violine und Orgel, mit Werken von J. S. Bach, A. Dvořák, C. Franck. Es spiele Pavel Černý und Josef Žák.

23. September, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche:

Franz Wenzel Habermann: Missa sancti Wenceslai martyris. Es singt der Chorus Carolinus aus Kladno.

 

Günther Juba 

Fotos:

Blick zur Empore der St.-Nikolaus-Kirche. Die Orgel wurde 1884 von Martin Zaus erbaut.

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 6.7.2018 / 6.7.2018
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