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Weisheit des Mittelalters in Kettenbüchern

Die Klosterbibliothek der Franziskaner in Eger

Weisheit des Mittelalters in Kettenbüchern

Die Klosterbibliothek der Franziskaner in Eger

 

Im Ostteil des Franziskanerklosters befindet sich die älteste Bibliothek des Minoritenordens in Böhmen, erstmals erwähnt im Jahre 1374. Hier entstand eine Sammlung von fast 11000 Büchern, die ältesten davon aus den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts.

Diese fehlen heute, und einem Hinweis ist zu entnehmen, dass die Nationalbibliothek sie im Jahre 2008 für den Betrag von 42.000.000 CZK dem Bistum Pilsen abkaufte und heute als einen der am besten erhaltenen klösterlichen Bücherbestände in Tschechien aufbewahrt.

 

Wer heute diese Stätte der Gelehrsamkeit betritt, bemerkt vielleicht nicht gleich das Fehlen der wertvollen Handschriften und Inkunabeln (Wiegendrucke), denn diese standen im Mittelalter nicht sichtbar auf offenen Regalen, sondern hinter vergitterten und abschließbaren Schranktüren. Bücher waren kostbare, seltene Schätze. Das Lesen und Schreiben war nur dem Klerus bekannt. Selbst die Mehrzahl der Adligen konnte das nicht. Wer lesen und sogar lateinische Texte verstehen konnte, wurde dafür bewundert („Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las…“).

Obwohl die meisten Besucher der Klosterkirche Mariä Verkündigung nicht lesen konnten, waren die geheimnisvollen Werke aus der vom Kreuzgang her zugänglichen Bibliothek sehr begehrt: Eine lateinische Bibel kostete ca. 10 Gulden – und dies entsprach ungefähr dem Preis von drei ausgewachsenen Ochsen.

Wenn die Mönche die Bände aus den verschlossenen Schränken zur Betrachtung auslegten, sicherten sie diese – als „libri catenati“ (Kettenbücher) – vor einem Diebstahl. Dazu gab es am Rückdeckel des Buches einen Anschlag aus Eisen, an dem eine kurze Kette befestigt war. War das Buch auf dem Lesepult ausgelegt, sicherte man es, indem man das Ende der Kette an einer abschließbaren Eisenstange einfädelte. Damit verhinderte man außerdem ein Herunterfallen auf den Boden..

 

In der Nationalbibliothek (Národní knihovna České republiky, Klementinum) in Prag sind aus dem ehemaligen Bücherbestand des Egerer Franziskanerklosters nur noch sechs dieser „libri catenati“ (Kettenbücher) erhalten. Die sperrige und unhandliche Sicherung durch Ketten erschien seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr nötig und so wurden sie meist entfernt. Dank der Erfindung von Johannes Gutenberg (1455) waren Bücher nun für jedermann erschwinglich geworden und ein Diebstahl lohnte sich kaum noch.

 

Die Arbeit der Mönche im Mittelalter bestand häufig aus dem mühsamen Abschreiben von Handschriften, besonders von religiösen Schriften. Dies erforderte höchste Konzentration und unendliche Geduld und galt deshalb als tugendhaftes Werk, das Sünden abgelten und so den himmlischen Lohn bringen konnte. Der Fleiß der Egerer Mönche war so groß, dass es im Kloster lange Zeit sogar eine eigene Buchbinder-Werkstatt gab.

 

Für das Lesen nahm man sich im Kloster viel Zeit: Neben den Lesungen im Gottesdienst und der „lectio“ zu den Mahlzeiten hatten die Mönche auch noch Gelegenheit zur privaten Lektüre, vor allem am Sonntag. Der  Bibliothekssaal des Egerer Franziskanerklosters erscheint zwar als relativ schlicht, aber der Raum ist immerhin beheizbar, was die Arbeit der Schreiber und das Studium der Bücher auch zur kalten Jahreszeit ermöglichte. „Claustrum sine armario sicut castrum sine armamentario.“ – Ein Kloster ohne Bücherei ist wie eine Burg ohne Waffenkammer.

 

Günther Juba 

Fotos

Die Bibliothek des Franziskanerklosters

Kettenbücher (libri catenati) aus dem ehemaligen Besitz des Egerer Kloster

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 11.9.2017 / 11.9.2017
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