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Doppelkapelle

„… und du arbeite!“

In der Doppelkapelle wird die Ständeordnung des Mittelalters sichtbar.

 

Wer erstmals die Egerer Kaiserburg besucht, wird die Doppelkapelle vielleicht nicht gleich als Sakralbau erkennen, da es hier keinen Glockenturm gibt. Man könnte das außen sehr schlichte Gebäude auch für einen Zehentstadel, ein Speicherhaus oder eine Rüstkammer halten. Eigenartig erscheint allerdings, dass es hier zwei Eingänge gibt: Das Portal an der Südseite sieht eher wie ein Fenster aus, denn es ist in unerreichbarer Höhe gelegen, außerdem ist es auch noch teilweise zugemauert. Der Eingang an der Westseite liegt zwar ebenerdig, wer aber das Gebäude betritt, muss hinabsteigen, fast wie in einen Kellerraum.

Von außen ist deshalb kaum zu erahnen, dass dieses Haus von Kunsthistorikern mit der Kaiserkapelle in Nürnberg gleichgestellt wird. Es ist das besterhaltene Gebäude der Egerer Burg und gehört zu den sehenswertesten Denkmälern der Frühgotik in Mitteleuropa. Das Schindeldach wurde allerdings erst 1818 aufgesetzt, nachdem das Gebäude lange Zeit unbedeckt und deshalb durch die Witterung gefährdet war.

 

Die im unteren Teil romanische, darüber bereits frühgotische Doppelkapelle, entstand Ende des 12. Jahrhunderts, als Kaiser Friedrich Barbarossa die Burganlage zur Kaiserpfalz ausbauen ließ.

Dieses Gotteshaus stand am 12. Juli 1213 im Mittelpunkt europäischer Politik, als Friedrich II., Enkel des berühmten Stauferkaisers, zum Reichstag in Eger erschien und hier die „Goldene Bulle von Eger“ vor den Augen des zum Reichstag geladenen böhmische Königs Premysl Otakar I., des päpstlichen Nuntius, des bayerischen Herzogs Ludwig, des österreichischen Herzogs Leopold und einer großen Zahl von Bischöfen und Adeligen unterzeichnete. Mit dieser Bulle ordnete Friedrich II. die Beziehungen zwischen der weltlichen und kirchlichen Gewalt. Es handelte sich um eine Urkunde, die für ganz Europa bedeutsam war.

 

Sicherlich hatte die Doppelkapelle vor über 800 Jahren ein prachtvolleres Aussehen als heute. Damals wurde der Besuch in diesem Gotteshaus auch anders erlebt:

Wer als Bediensteter der Burg oder als Bürger der Stadt Eger die Kapelle durch den Südeingang betrat, musste 1,5 Meter tief hinabsteigen – und wurde damit auf seine Niedrigkeit vor Gott, aber auch auf seine untergeordnete soziale Stellung, hingewiesen. Wenn das Portal geschlossen ist, kommt durch sehr kleine Fenster nur wenig Licht in die romanische Unterkapelle. Dadurch wirkt sie düster, fast wie eine Grabeskirche. Nur der Altarraum erhält durch ein großes, gotisches Fenster helles Licht und dies symbolisiert die Erleuchtung des Geistes durch die Lehren des Glaubens.

Licht kommt in die Unterkapelle auch durch eine achteckige Öffnung im Deckengewölbe. Hier öffnet sich ein Blick nach oben, in den Kapellenraum für die Adeligen.

Es ist bedeutungsvoll, dass diese Öffnung als Achteck gestaltet wurde: In der christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters ist die Zahl 8 Symbol des Neuen Bundes: Mit dem 8. Tage beginnt eine neue Woche, und auch eine neue Zeit, denn sie ist der Tag der Auferstehung des Herrn. Acht Ecken hat auch die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches, denn ihre Träger betrachteten sich als Teil der göttlichen Weltordnung.

 

Für das einfache Volk in der unteren Kapelle blieben die Adeligen unsichtbar – außer, diese beugten sich huldvoll herab. Man konnte von unten nur einen sehr viel helleren Raum erkennen, dessen frühgotische Gewölbe fast schwerelos wirkten. Vermutlich war die Decke bemalt, mit Engeln und Heiligen, mit Ornamenten oder Sternen. Wer von der Unterkapelle nach oben blickte, dem erschien dies wie ein Abbild des Himmels.

Nur eine schmale, steile Treppe führt hinauf in die obere Kapelle. Weil damals die Menschen viel kleiner waren, konnten sie den Aufstieg nur schwer bewältigen. Für die „gemeinen“ Leute wäre es allerdings eine Anmaßung gewesen, die Oberkapelle zu betreten. Vermutlich war die Treppe nur für die Wachen, die Ministranten und die Bediensteten der Kirche gedacht.

Die Adeligen hatte es auch gar nicht nötig, diese steile Treppe zu benutzen. Für sie gab es das – damals noch nicht zugemauerte – Südportal, und von hier aus hatte man über eine Galerie direkten Zugang zum Palas der Burg. So waren sie sogar bei der Messe in der Doppelkapelle „hochgestellt“, was als dem Willen Gottes entsprechend betrachtet wurde.

 

Die Trennung von Adel und Volk – der Klerus hatte seinen Platz in dem durch mehrere Stufen erhöhten Altarraum – entsprach der Ständeordnung des frühen Mittelalters und dem religiösen Verständnis dieser Zeit: In einer künstlerischen Darstellung des Astrologen Johannes Lichtenberger (1488) weist Jesus selbst den drei Ständen ihre sozialen Stellungen zu: „Tu supplex ora“ (du bete demütig!) zum Klerus, „Tu protege“ (du beschütze!) zu Kaiser und Adel, „Tuque labora“ (und du arbeite!) zu den Bauern.

 

Die Privilegien von Adel und Kirche hatten über Jahrhunderte Bestand. Der Aufstand der Bauern wurde von Martin Luther (1525) vehement abgelehnt: „Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren…“ Die Französische Revolution (1789) war für Friedrich Schiller nur ein gescheiterter Traum, da sie „einen beträchtlichen Teil Europas, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarei und Knechtschaft zurückgeschleudert“ hatte. In Deutschland wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg (1919) die Monarchie und die letzten Privilegien der Adeligen abgeschafft.

 

Günther Juba

Fotos:

o   Die Doppelkapelle sieht außen sehr schlicht aus.

o   In der Unterkapelle ist es nur bei geöffneter Außentür hell.

o   Blick nach oben. Die Gewölbe waren vermutlich bemalt.

o   Die Ständeordnung, dargestellt als Gottes Wille.

   

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 8.9.2016 / 8.9.2016

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