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Der letzte Henker von Eger

Karl Huss, bewundert und verachtet

Sein ganzes Leben lang wurde Karl Huss von seinen Mitbürgern wegen seiner „unehrlichen“ Herkunft verachtet, obwohl er die bekannteste und am meisten bewunderte Egerer Persönlichkeit seiner Zeit war.

 

Karl Huss wurde am 3. Januar 1761 in Brüx (Most) als Sohn eines Henkers geboren.

Da er sehr begabt und wissbegierig war, wollten ihm seine Eltern durch den Besuch des Gymnasiums eine bessere Zukunft ermöglichen. Doch stieß er hier auf die Vorurteile und den Hass des Bürgertums, das es nicht ertragen wollte, dass ein Kind aus „unehrlicher“ Herkunft seinen Mitschülern weit überlegen war. Von diesen wurde er so sehr verhöhnt und misshandelt, dass er nach drei Jahre den Besuch des Gymnasiums abbrechen musste.

 

Wegen des Berufes seines Vaters konnte Karl aber auch keine Lehrstelle in einem „ehrbaren“ Handwerksberuf bekommen. Deshalb hatte er keine andere Wahl, als wie sein Vater Henker zu werden. Mit 15 Jahren führte er seine erste Hinrichtung durch.

Im Sommer 1779 besuchte er seinen Onkel, den Scharfrichter von Eger. Er blieb hier auf ein Jahr und führte drei Hinrichtungen durch. 1781 wurde ihm die freigewordene Stelle des Egerer Stadthenkers übertragen.

Im Jahre 1787 aber wurde durch Kaiser Joseph II. die Todesstrafe (bis auf wenige Ausnahmen) abgeschafft. Das Josephinische Strafgesetzbuch ersetzte sie durch äußerst grausame Strafen, welche der Kaiser für „weit schöckbarer und empfindlicher“ hielt als den Tod. Karl Huss blieb 47 Jahre im Amte des Scharfrichters, musste nun aber keine Hinrichtungen mehr vollziehen.

 

Da seine Anstellung ihm nur ein sehr geringes Einkommen brachte, benötigte er einen Nebenerwerb. Karl Huss eignete sich so große medizinische Kenntnisse an, dass er als „Wunderheiler“ sogar in die vornehmen Egerer Familien zu Hilfe gerufen wurde. Ungeachtet der Drohungen der Ärzte und Apotheker, ihn mit schweren Strafen zu belegen, erwarb sich Huss als Helfer der Kranken ein kleines Vermögen.

Aus den alten Münzen, die er für seine Heilkunst bekam, begann er eine Münzsammlung zusammenzustellen, die bis zum Jahre 1828 einen Umfang von 7109 Münzen erreichte.

Als Autodidakt befasste er sich mit der Mineralogie. Aus seinen Funden im Egerland belieferte er die Mineraliensammlungen von Adeligen und von reichen Bürgern.

Darüber hinaus interessierte Huss sich für die Geschichte. Die von ihm verfasste „Chronik der Stadt Eger“ umfasste vier Bände.

Huss rettete zahlreiche Antiquitäten, deren Wert seine Zeitgenossen nicht erkannten.

Dank seiner umfangreichen Kenntnisse führte er Briefwechsel mit den bekanntesten Wissenschaftlern seiner Zeit.

 

Für die Egerer Bürger aber blieb Karl Huss nur ein Mann aus niedrigem Stande.

Als er bei einem Bäckermeister um die Hand seiner Tochter anhielt, wurde er abgewiesen. Erst nach einer Entführung der Braut konnte die Ehe geschlossen werden. Das Paar lebte nun abseits der bürgerlichen Gesellschaft, denn „ihren Personen war keine Achtung gebührt“. Diese Ausgrenzung aus der Gesellschaft war auch daran zu erkennen, dass das Scharfrichterhäuschen nicht innerhalb der Stadtmauern stehen durfte.

 

Karl Huss machte sein Haus zu einem einzigartigen Museum, dessen Besuch schon bald zum Gesellschaftsprogramm der vornehmen Kurgäste aus Franzensbad gehörte.

Seine Sammlungen waren so beeindruckend, dass sogar Berliner Zeitungen über diese „Egerer Merkwürdigkeiten“ berichteten.

Mehr Aufsehen als Anerkennung fand Huss bei seinen Mitbürgern, als der berühmteste deutsche Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, immer wieder das Scharfrichterhaus besuchte und die Sammlungen mit wertvollen Münzen, Mineralien und mit anderen Kostbarkeiten bereicherte.

Daraufhin gab es keinen prominenten Besucher der Stadt Eger, der das kleine Fachwerkhaus hinter dem Mühltor nicht besuchen wollte.

 

Karl Huss fühlte sich alt und einsam, als seine Frau Sofia im Jahre 1824 verstarb. Da die Ehe kinderlos geblieben war, machte er sich Sorgen um den Erhalt seiner wertvollen Sammlungen.

Er bot sie dem Magistrat der Stadt zum Kauf an. Doch die Stadträte zeigten kein Interesse an dem Besitz eines Henkers.

Aber der Magistratsrat Joseph Sebastian Grüner, welcher die Schätze des Scharfrichterhauses aus seinen gemeinsamen Besuchen mit Goethe kannte, vermittelte deren Verkauf an Fürst Clemens Wenzel von Metternich, der im nahegelegenen Schloss Königswart (Kynžvart) residierte.

Die Sammlungen blieben zunächst, bis zum Lebensende von Karl Huss, nur Leihgaben an den Fürsten und sollten erst danach Eigentum Metternichs werden.

Dieser bezahlte mit einer Leibrente von jährlich 300 Gulden, freier Wohnung mit Beheizung auf Schloss Königswart und lebenslänglicher Anstellung als Kustos – zur Verwaltung seiner eigenen und der fürstlichen Sammlungen. Huss war nun von allen Alterssorgen befreit.

 

Schon nach kurzer Zeit aber wurde im Schloss eingebrochen und die Münzsammlung gestohlen. Karl Huss geriet unter den Verdacht, die Münzen selbst entwendet zu haben. Wieder einmal musste er die verletzenden Vorurteile wegen seiner „unehrlichen“ Herkunft ertragen. Auch sein Einwand, dass es widersinnig wäre, sich selbst zu bestehlen, konnte niemand überzeugen. Sogar Fürst Metternich zeigte kein Vertrauen zu seinem Verwalter.

Erst als der Dieb nach sieben Monaten einige Münzen in Prag zum Kauf anbot, wurde er von der Polizei entdeckt. Huss war endlich rehabilitiert. Allerdings ist es nicht überliefert, ob sich der Fürst für seine ungerechten Verdächtigungen jemals entschuldigte.

Karl Huss lebte noch über zehn Jahre lang auf Schloss Königswart.

Er starb dort am 19. Dezember 1838.

 

Günther Juba

 

Bild: Karl Huss, Gemälde im Chebské Muzeum (Egerer Museum)

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 29.7.2014 / 29.7.2014

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