Touristisches
Infozentrum Cheb

Der alte Herr Procházka

Der alte Herr Procházka

 

In der Zeit, als Böhmen noch zu Österreich gehörte, war unter der tschechischen Bevölkerung ein Herr Procházka häufig das Tagesgespräch. Manchmal wurde er als rückständig kritisiert, einige redeten auch spöttisch über ihn, meist aber hatten die Leute eine respektvolle Zuneigung zu diesem älteren Herrn, fast wie zu einem nahen Verwandten. Tatsächlich aber war hier nicht von einem Tschechen die Rede – und er hieß auch nicht Procházka.

 

Mit diesem Namen war Kaiser Franz Joseph gemeint. Wer über den alten Herrn Procházka redete und sich über ihn lustig machte, hatte nichts zu befürchten, wenn er, wie der legendäre Soldat Josef Švejk im Gasthaus „Zum Kelch“, von einem Spitzel belauscht wurde.

Trotz aller Kritik an der politischen Situation aber war dieser Kaiser, der im Jahre 1908 bereits sein sechzigjähriges Regierungsjubiläum feiern konnte, auch bei den meisten Tschechen anerkannt als Musterbild des pflichtbewussten und fleißigen Beamten – als treuer, bescheidener Diener seines Staates.

 

Entstanden ist dieser Spitzname im Jahre 1901 bei einem Besuch Franz Josephs in Prag, nachdem er eine Moldaubrücke eröffnet hatte und sie mit den Honoratioren der Stadt dann überquerte: „Procházka na mostě“ (Spaziergang auf der Brücke) stand unter dem Foto in den tschechischen Zeitungen am folgenden Tag. Der Doppelsinn dabei war aber, dass Procházka zugleich ein verbreiteter tschechischer Familienname ist: Der Kaiser wurde damit „einer von uns“, ein ganz normaler Mensch.

Nach dem katastrophalen Untergang der k. u. k. Monarchie im Ersten Weltkrieg und der Gründung der Tschechoslowakei wurden die Standbilder österreichischer Kaiser zu Symbolen des Nationalitätenkonflikts. So rissen in der Nacht zum 14. November 1920 in Eger tschechische Soldaten das Denkmal des Kaisers Joseph II. herunter und nahmen den abgerissenen rechten Arm mit in die Kaserne. Mit derartigen Aktionen wurde die Ablehnung des neuen Staates unter der deutschen Bevölkerung nur gesteigert.

Als aber nach dem II. Weltkrieg die Tschechoslowakei unter kommunistische Herrschaft geriet und im Jahre 1968 der „Prager Frühling gewaltsam beendet worden war, da blickte ein älterer Herr, mit viel Sinn für Humor, zurück in vergangene Zeiten: „Nie wurden wir so angenehm unterdrückt wie unter den Österreichern“.

Seit dieser schweren Zeit wird auch der Kaiser „František Josef (alias Herr Procházka) wieder als höchster Repräsentant der sogenannten guten alten Zeit betrachtet.

In diesem Sinne wurde auch 2003 in Franzensbad eine Nachbildung des im Jahre1920 in Eger gestürzten Denkmals von Joseph II. aufgestellt. Nur der fehlende rechte Arm erinnert noch an die Zeit der Ablehnung der österreichischen Herrscher.

 

Günther Juba

Bild:

Kaiser Franz Josef

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 3.3.2020 / 3.3.2020

Skip to content