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Als Eger die „zweite Hauptstadt“ von Böhmen war

Als Eger die „zweite Hauptstadt“ von Böhmen war Georg von Podiebrad und sein europäischer Friedensplan

Als Eger die „zweite Hauptstadt“ von Böhmen war

Georg von Podiebrad und sein europäischer Friedensplan

 

Aus dem Geschichtsunterricht ist die Stadt Eger vor allem dafür bekannt, dass hier im Jahre 1634 der Mord an Albrecht von Wallenstein geschah. Wer aber erwartet, dass der Egerer Marktplatz nach dem berühmten Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges benannt wurde, wundert sich vielleicht, dass er „Náměsti Krále Jiřího z Poděbrad“ (Platz des Königs Georg von Podiebrad) heißt. Deutsche Touristen sind meist ratlos, denn von diesem König (1420 – 1471) haben sie in der Schule nie gehört. Tatsächlich aber ging seine Bedeutung weit über Böhmen hinaus – und er war in Eger willkommen, während es bei den Aufenthalten Wallensteins (Einquartierungen, Rekrutierungen, hohe „Kontributionen“) wenig Grund zur Begeisterung gab.

 

Das Königreich Böhmen litt in der Mitte des 15. Jahrhunderts an den Folgen der Hussitenkriege. Ladislaus I. war bei seiner Thronbesteigung erst 13 Jahre alt. Deshalb wurde Georg von Podiebrad von Kaiser Heinrich III. und auch von den böhmischen Ständen 1451 mit den Regierungsgeschäften betraut. Als aber Ladislaus bereits im Alter von 17 Jahren starb, wurde Georg von den Ständen 1458 zum neuen König erhoben.

 

Dieser König war nur 1,65 m groß und korpulent, das Gesicht seit seiner Jugend durch das Verwachsen gebrochener Kieferknochen leicht verunstaltet. Er sprach nur wenig deutsch, reiste aber immer wieder nach Eger, denn in dieser Stadt – an der Westgrenze seines Reiches – kam er seinen ausländischen Partnern entgegen, um hier friedliche Verhandlungen zur Lösung von Streitfagen zu führen. Eger war wie eine „zweite Hauptstadt“ und hatte in Jiří z Poděbrad einen Schirmherrn, der ihr Wohlstand und politische Bedeutung brachte. Für diese Aufenthalte des Königs, bei denen sich die Mächtigen Europas trafen, wurden das Rathaus, die Stadtmauern und die Brücken renoviert, außerdem ein Tanzsaal erbaut.

 

Verhandeln, anstatt Kriege zu führen!

 

Bei seinem ersten Besuch im Jahre 1459 gelang es dem König, einen langjährigen Streit friedlich zu beenden: Im Vertrag von Eger wurde die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen auf der Höhe des Erzgebirges und der Mitte der Elbe festgelegt. Dieser Grenzverlauf ist bis heute noch fast unverändert gültig.

 

Der zweite Besuch, im Herbst desselben Jahres, sollte diese Verhandlungsergebnisse sichern – durch die Hochzeit seiner erst zehnjährigen Tochter Zdeňka mit den sechs Jahre älteren Herzog Albrecht III. von Sachsen („Beilager“ erst 1464 vorgesehen).

 

Bei seinem dritten Aufenthalt (1461) ging es um Kaiser Friedrich III., dessen Führungsschwäche unerträglich geworden war, da er nicht einmal einen Plan zur Abwehr der Türkengefahr hatte. Georgs Versuch, ein Bündnis gegen „des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze“ zu schließen, scheiterte aber.

 

Im Jahre 1467 kam der König zur Hochzeit seines Sohnes Jindřich mit Ursula, Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Albrecht Achillesnochmals nach Eger.

 

Als europäischer Friedensstifter seiner Zeit voraus, …

 

1462 erstellte Georg von Podiebrad den ersten europäischen Föderationsplan, in dem gemeinsame europäische Einrichtungen vorgesehen waren, darunter Heer, Haushalt, Gericht, Volksvertretung, Asyle, Verwaltung und ein Wappen.

Er schlug vor, ein ständiges Parlament aus den Vertretern aller europäischen Staaten zu schaffen. Die erste Generalversammlung sollte in Basel stattfinden, als erster Vorsitzender wurde der französische König Ludwig XI. vorgeschlagen. Dieser Vorläufer der Europäischen Union sollte auf friedlichem Weg alle Konflikte lösen und durch ein gemeinsames Handeln die Bedrohung des Abendlandes durch die Türken, die bereits bis Belgrad vorgedrungen waren, abwenden.

Damit hätte Georg von Podiebrad eine europäische Einigung erreicht, wie sie erst 500 Jahre später realisiert werden konnte.

Der berühmte Historiker und Staatsmann František Palacký schrieb dazu: „Wäre jene Idee durchgeführt worden, sie hätte der Geschichte Europas eine andere, wohltuendere Richtung gegeben.“ Allerdings griff der Vorschlag einer europäischen Föderation dem Verständnis seiner Zeit sehr weit voraus – und ein Bündnis der Herrscher hätte die Autorität des Kaisers und des Papstes in Frage gestellt.

 

… aber als „Ketzerkönig“ verachtet!

 

Der visionäre Friedensplan scheiterte vor allem daran, dass Georg von Podiebrad – als erster König im westlichen Europa – nicht katholisch war. Unter den Herrschern Europas war er deshalb nur ein Außenseiter, und so ließen sie sich nicht überzeugen. Stattdessen verspotteten ihn seine Gegner als „Hussitenkönig“ und als „Ketzerkönig“.

1466 exkommunizierte der neu gewählte Papst Paul II. Georg von Podiebrad, obwohl erst 1458 Papst Pius II. seine Ernennung zum König akzeptiert hatte (da das türkische Heer das christliche Abendland bedrohte). Nun aber rief der Papst zum Kreuzzug gegen das ketzerische Böhmen auf. Wider Erwarten führte Georgs eigener Schwiegersohn, der katholische König von Ungarn Mátyás Hunyadi (Matthias Corvinus), diesen Krieg gegen den „Ketzerkönig“.

Damit war die Friedenspolitik Podiebrads gescheitert.

Bei Verhandlungen mit seinen Feinden starb der in seinen letzten Jahren an Wassersucht leidende König im Alter von 51 Jahren. Für seine Gegner war er nur „der dicke König“ (tlustý kral), der als Ketzer gegen den Willen Gottes an die Macht gekommen war. Seine Anhänger aber betrauerten seinen Tod als Tragödie, nicht nur für Böhmen.

 

Eger aber war – trotz der Verhängung des Kirchenbannes – politisch neutral geblieben und begründete dies mit seiner Treue zu Georg von Podiebrad.

Diese Haltung einer Stadt mit deutschen Einwohnern gegenüber ihrem König wird von tschechischen Historikern als beispielhaft gewertet, denn es „gelang … beiden Seiten, die nationalen, politischen und religiösen Hindernisse zu überwinden und feste, beiderseitig freundschaftliche Beziehungen aufzubauen“.

 

Günther Juba 

Abbildungen:

Denkmal (seit 1960) für Georg von Podiebrad, am „Scharfen Eck“

Historische Darstellungen des Königs

Festspiel zu Ehren Podiebrads im Jahre 2011

Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 31.1.2018 / 31.1.2018
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