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Waldsassener Glas für die ganze Welt

In der Glashütte Lamberts entsteht mundgeblasenes Flachglas in unbegrenzter Farbenvielfalt
  Im Jahre 2007 gab ein neugestaltetes Fenster im Südquerhaus des Kölner Domes Anlass für Bewunderung, aber auch für Ablehnung. Nachdem es keine Farbfotos des ehemaligen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fenster gab, sollte Gerhard Richter einen modernen Entwurf schaffen. Der berühmte Künstler fand eine ungewöhnliche Lösung: Er wählte 72 Farben aus, nach dem Vorbild aller mittelalterlicher Fenster des Doms. In Waldsassen ließ er kleine, quadratische Gläser in genau diesen Farben herstellen. Die bunten Quadrate verteilte er per Zufallsgenerator auf alle Teile des Fensters. Auf diese Weise entstand eine abstrakter „Farbklangteppich“.
  Die 370.000 Euro Herstellungskosten wurden durch etwa 1200 Spender finanziert; Gerhard Richter selbst arbeitete ohne Honorar. Dass sich dieses moderne Fenster erstaunlich gut in den mittelalterlichen Dom einfügt, ist nur den exakt nach historischem Vorbild erzeugten Farben der gläsernen Quadrate zu verdanken.
 
  Weltweit einziger Hersteller für mundgeblasenes Flachglas in über 5000 Farbtönen ist die Glashütte Lamberts in Waldsassen.
 Die hier geblasenen, bunten Glasfenster kann man in fast allen Ländern der Erde bewundern, nicht nur in vielen mittelalterlichen Kathedralen wie, z. B. Notre-Dame in Reims.
 Modern gestaltete Fenster findet man in Flughäfen, Bahnstationen und anderen repräsentativen Gebäuden von Amerika bis Japan. Die Kuppeldecke des Hotels Adlon in Berlin, sogar die neuen Zifferblätter des Big Ben in London, wurden in dieser Glashütte hergestellt. In Tschechien findet man Glas aus Waldsassen in den Fenster des Prager Klementinums.
 
 Weitere Produkte aus dieser einzigartigen Glashütte heißen: Restaurationsglas, Crackled-Glas, Danziger-Glas, Überfangglas, Streaky-Glas, Neu-Antikglas, Echte Butzen, Mondscheiben, Dallglas und Tischkathedralglas. Um den Lucas-Cranach-Altar der Martin-Luther-Kirche in Wittenberg vor Beschädigungen durch Sonnenlicht zu schützen, wurde sogar UV-Schutzglas hergestellt.
 Bei der Deutschen UNESCO-Kommission wurde die manuelle Glasfertigung als Immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet. Aktuell wird eine Bewerbung auf internationaler Ebene als „Immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe“ vorbereitet.
 Die derzeit 70 Waldsassener Glasbläser und deren Helfer müssen immense Hitze aushalten. Ihr Beruf erfordert sehr viel Kraft – und gleichzeitig großes Geschick. Sie beginnen bereits um 4 Uhr mit ihrer Arbeit, da bis zum Mittag die Hitze unerträglich werden kann. Einige Stunden vor Arbeitsbeginn wurden Quarz, Soda und Kalkstein bei 1400°C eingeschmolzen. Mit einer Pfeife wird das flüssige Glas aus einem der Schmelztiegel genommen und zu einer Kugel geblasen. Diese dehnt der Meister in durch Blasen, Formen und Schwenken in einem Graben in die Länge. Nachdem sie an beiden Enden geöffnet wurde, entsteht daraus eine Walze. Später wird die erkaltete Walze der Länge nach aufgeschnitten. So kann sie im Streckofen zu einer ebenen Tafel glattgebügelt werden.
 
 Weltweit sind Restauratoren und Denkmalpfleger, sowie moderne Künstler auf die Erzeugnisse der Glashütte Lamberts angewiesen. Seit Generationen wird hier das Geheimnis überliefert, wie Glas seine gewünschte Farbe bekommt: Nur die Waldsassener Schmelzer wissen, wie durch die Zugabe von Eisen, Kupfer, Nickel, Chrom, Kobalt und speziellen Metallverbindungen eine nahezu unbegrenzte Farbenvielfalt entsteht.
 Bei der traditionellen Arbeitsweise der Glasbläser entstehen Bläschen und Schlieren, die bei jeder Bewegung des Betrachters und bei jeder Veränderung der Beleuchtung neue Lichtbrechungen erzeugen: Dieses Glas scheint zu leben; es wird als „Glas mit Seele“ bezeichnet. Aus diesem Grunde kann das traditionelle Handwerk nicht durch die moderne Technik ersetzt werden.
 Trotz vieler Auszeichnungen sind die Auftragsbücher der Glashütte derzeit nicht prall gefüllt, denn industriell gefertigte Gläser sind sehr viel billiger. Sogar bei der Sanierung historischer Gebäude wird leider oft – aus Unwissen oder aus Kostengründen – nur Industrieglas verwendet.
Günther Juba
 
Fotos: Das Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom Airport Shenzhen, China Ein Glasbläser hat die Kugel in eine längliche Form gebracht
  
Verantwortlich: Tourist-Information
Entstanden / aktualisiert: 20.5.2020 / 20.5.2020
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