Im Jahre 1938 wurde bei dem Bildhauer Willy Russ ein prachtvoller Kachelofen für ein geplantes Egerländer Volkskundemuseum in Auftrag gegeben. Als der Ofen Ende 1943 fertiggestellt war, konnte er aber nicht gleich nach Eger ausgeliefert werden, denn der Transport erschien während des Zweiten Weltkrieges als zu gefährlich. Stattdessen wurde er zerlegt und aus der Werkstatt in Schönfeld (heute Krásno nad Teplou) in die nahegelegene Burg Elbogen gebracht, um ihn hier vor der Zerstörung durch die Bombardierungen zu schützen.
Dort wurde der Ofen im Jahre 1952 aufgebaut. Da dieses außergewöhnliche Kunstwerk aber ein historisches Dokument über die deutsche Vergangenheit des Egerlandes ist, bezeichneten es die kommunistischen Machthaber im Jahre 1965 als „ideologisch unerträglich“ und der Ofen musste aus der Ausstellung verschwinden. Er wurde abgebaut und man wollte ihn „entsorgen“. Glücklicherweise landeten die Kacheln aber im Keller der Burg, und wurden bald vergessen. In Eger aber erinnerte man sich noch an den für Kommunisten wertlosen Kachelofen und man holte ihn im Jahre 1982 ab. Erst nach der Wende durfte er (1995) restauriert und neu aufgebaut werden, zunächst in den Kasematten der Egerer Burg.
Nachdem aber der Wert des Kachelofens auf 5,5 Millionen Kronen (ca. 220.000 Euro) geschätzt worden war, wollte die Stadt Loket (Elbogen) die Rückgabe des Kunstwerkes, das sich von 1943 bis 1982 dort befunden hatte, mit juristischen Mitteln erzwingen. Die Klage wurde aber 2018 vom Bezirksgericht in Karlovy Vary verworfen.
Deshalb dauerte es 79 Jahre nach seiner Fertigstellung, bis der einzigartige „Egerer Ofen“ nun endlich im Egerer Museum angekommen ist.
Der Prager Restaurator Michal Raušer und seine Assistentin Sylva Čekalová benötigten drei Jahre, um alle Beschädigungen zu beseitigen, fehlende Teile zu ersetzen und den Ofen an seinem endgültigen Standort zusammenzubauen.
Der volkskundliche Kachelofen kann jetzt wieder besichtigt werden.
Öffnungszeiten des Egerer Museums im Winter (bis April): täglich – außer montags und dienstags – von 10 bis 17 Uhr.
Überall is schöin, dahoim ist am schönst’n.
Der berühmte Ofen mit seinen farbig glasierten Keramikkacheln ist 3m lang, 1,5m tief und 3m hoch, bis ins kleinste Detail ein liebevoll gestaltetes Kunstwerk. 76 Stadt- und Gemeindewappen des Egerlandes sind hier zu finden. An den vier abgeschrägten Ofenecken sind 12 Paare in den verschiedenen Trachten der Region gekleidet. Besonders beeindruckend sind die Darstellungen von Volksbräuchen, darunter die Hutzenstube, das Winteraustragen, das Osterreiten, der Maibaumtanz, der Erntewagen und die Kirchweih. Den Lebenslauf der Menschen zeigen ein Kammerwagen, der Hochzeitssegen der Eltern und eine Kindstaufe.
Im Egerländer Dialekt sind hier auf Spruchbändern 63 Volksweisheiten und Redensarten zu lesen:
Vor übertriebenen Erwartungen warnt der Satz: „Kurn, Howan u Ha, graun selt’n alla dra.“ (Korn, Hafer. und Heu, geraten selten alle drei.).
Zuversicht und Vorsorge sind keine Widersprüche: „Ma mou af‘s Bests hoffna u af’s Schwiarsta g‘fasst sa.“ (Man muß auf das Beste hoffen und auf das Schwerste gefasst sein.)
Wo es Streit gibt, sollte man „Bessa schlicht’n wöi richt’n.“ (Lieber schlichten als richten.), denn „A gout’s Wurt findt an gout’n Urt.“ (Ein gutes Wort findet einen guten Ort.)
Ein Rat an die Jugend lautet: „Lern, leist u spar wos – sua bist, koanst u haust wos.“ (Lerne, leiste und spare etwas – so bist, kannst und hast du etwas.).
Außerdem heißt es: „Fröih afgstand’n, gung g’freit, haut nu nöimatz greit.“ (Früh aufgestanden, jung gefreit, hat noch niemanden gereut.)
Zum Fleiß ermahnt der Spruch: „Fröih bal af u aumbd’s spat nieda – esst nea g’schwind u arwat wieda.“ (Früh bald auf und abends spät nieder – esst nur schnell und arbeitet wieder.)
Da damals, es war die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, jede Kritik an dem Regime lebensgefährlich war, wird zur Vorsicht geraten: „Schweig’n, denk’n, toüt nöimatz kränk’n.“ (Schweigen, Denken, tut niemand kränken.)
Viel drastischer ist die Aufforderung: „Halt s’Mal im Zaum!“ (Halte das Maul im Zaum!)
Im Egerland (heute Chebsko), leben heute nur noch wenige Deutsche, die man nach dem Krieg nicht aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Bald wird es hier die Egerländer Mundart nicht mehr geben. Dann werden nur noch die deutschen Nachbarn aus der Oberpfalz und aus Oberfranken die Inschriften auf dem Kachelofen mühelos verstehen.
Wie ein liebevoller Abschiedsgruß an die verlorene Heimat
Willy Russ wurde im Jahre 1887 in Schönfeld bei Elbogen geboren. Dank seiner künstlerischen Begabung erhielt er ein staatliches Stipendium an der Kunstgewerbeschule, der späteren „Akademie für angewandte Kunst“, in Wien. Schon im Jahre 1910 bekam eine von ihm gestaltete 145 Quadratmeter große figurale Keramikfassade den ersten Preis der Stadt Wien. Damit wurde der junge Mann zu einem gefragten Künstler.
Der Erste Weltkrieg unterbrach seine Tätigkeit und veränderte sein Leben, denn Russ kehrte als Invalide wieder zurück. 1920 übersiedelte er ins heimatliche Schönfeld. Hier richtete er sein Atelier ein, in dem er neben der Bildhauerei auch keramische Arbeiten ausführte. Von 1938 bis 1943 schuf er für das geplante Volkskundemuseum in Eger seinen berühmten Kachelofen. Dieser Auftrag ersparte Russ eine Einberufung zum Kriegsdienst. Sein einzigartiges Kunstwerk ist eine liebevoll gestaltete Erinnerung an die deutsche Vergangenheit des Egerlandes – aber auch ein wehmütiger Abschiedsgruß, denn im Jahre 1946 musste er mit seiner Familie die geliebte Heimat für immer verlassen. Willy Russ verstarb 1974 in Merkershausen (Unterfranken).
Günther Juba
Fotos:
Die Restauratoren Michal Raušer und Sylva Čekalová kurz vor der Ausstellungseröffnung
Mit einer Höhe von drei Metern reicht der Kachelofen fast bis an die Decke.
Detailansicht: lustiges Faschingstreiben


