Der größte deutsche Dichter zu Besuch in Eger und Waldsassen

Johann Wolfgang von Goethe hielt sich ab 1785 mehrmals in der Stadt Eger auf. Zunächst waren es nur um kurze Aufenthalte, wenn der Dichter auf der Durchreise war und hier übernachtete. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen reiste er nach Karlsbad, Franzensbad und Marienbad. Die Kuraufenthalte waren exklusive Treffpunkte der vornehmen Gesellschaft.
Goethes längere Aufenthalte in Eger fanden in den Jahren 1821 bis 1823 statt und dauerten insgesamt 126 Tage. Er wohnte dann immer im Gasthaus „Zur Goldenen Sonne“ auf dem Marktplatz, wo sich heute das leerstehende Gebäude der ehemaligen Post befindet.

Freundschaft mit dem „Criminal- und Magistratsrath“ Grüner

Als Goethe am 26. April 1820 hier eintraf, musste sein Reisepass zur „Vidimierung“ dem Polizeiamt vorgelegt werden. Joseph Sebastian Grüner, dem das Passreferat unterstand, eilte selbst in das Gasthaus, um Goethe das vorgelegte Dokument zurückzugeben. Die angeregte Unterhaltung über Land und Leute war der Beginn einer Freundschaft, die bis zum Tod Goethes anhielt. Grüner war ein hervorragender Kenner der Geschichte und der Sehenswürdigkeiten des Egerlandes, sowie der Besonderheiten in der Natur. Er begleitete seitdem Goethe fast täglich durch die Stadt und die Umgebung. Nach einem mehr als einmonatigem Aufenthalt des Dichters in Eger im Jahr 1822 vermerkte Grüner, dass er seit dreißig Jahren nicht mehr so viel mit jemandem spazieren gegangen sei, wie in jenem Jahr.

Wofür die Leute kein Verständnis hatten

 Eine lebenslange Freundschaft schloss Goethe auch mit Karl Huss, der von seinen Mitbürgern verachtet wurde, weil er ehemals Henker war. Im Jahre 1787 aber hatte Kaiser Joseph II. die Todesstrafe abgeschafft. Huss hatte seitdem ein weit besseres Einkommen, denn er besaß so große medizinische Kenntnisse, dass er als „Wunderheiler“ gerufen wurde, wenn die Kunst der Ärzte versagte. Er konnte es sich nun sogar leisten, eine Münzsammlung anzulegen, die einen Umfang von 7109 Münzen erreichte. Huss sammelte außerdem Antiquitäten, welche man in dieser Zeit noch für wertlos hielt. Aus seiner Sammlung seltener Mineralien belieferte er Adelige und reiche Bürger.

Das sog. Scharfrichterhaus wurde zum einzigartigen Museum, dessen Besuch schon bald zum Gesellschaftsprogramm der vornehmen Kurgäste aus Franzensbad gehörte. Dank seiner umfangreichen Kenntnisse führte Huss Briefwechsel mit den bekanntesten Wissenschaftlern seiner Zeit. Von Goethe wurde er sogar zu einem Besuch in Weimar eingeladen.

Als Karl Huss alt geworden war, vermittelte Magistratsrat Grüner den Verkauf der wertvollen Sammlungen an Fürst Clemens Wenzel von Metternich, der im nahegelegenen Schloss Königswart (Kynžvart) residierte.

Hier irrte sich Goethe

 Ein wichtiger Grund für die längeren Aufenthalte in Eger war Goethes Interesse an der Mineralogie. Er bestieg den Kammerbühl, einen erloschenen Vulkan bei Franzensbad und widmete ihm 1808 die Studie „Der Cammerberg bey Eger“, die ein Jahr später veröffentlicht wurde. Die Herkunft der Basaltsteine war unter den Geologen damals umstritten: Waren sie durch vulkanische Kräfte oder aber durch Sedimente (Ablagerung von mineralischen oder organischen Substanzen) entstanden? Goethe war Anhänger der Theorie des „Neptunismus“ – und er irrte sich: Auf seinen Vorschlag legte man einige Jahre nach seinem Tod (1834–37) ein Stollensystem an. Als man aber auf einen mit Basalt gefüllten Krater stieß, war dies der Beweis für den vulkanischen Ursprung des Kammerbühls.

Nach seinem letzten Aufenthalt in Eger (1823) trat Goethe dann mit einer von Weimar herbeibefohlenen Hof-Kutsche die Rückreise nach Thüringen an. Zwei Wagen, bepackt mit Koffern und Gesteinskisten, folgten ihm.

Kirche, Kloster und Bratwürste

 Zu Goethes gemeinsamen Ausflugszielen mit Johann Sebastian Grüner gehörte auch Waldsassen, „… köstliche Besitztümer der geistlichen Herren, die früher als andere Menschen klug waren…“. Am 11. August 1822 besichtigten sie die Stiftskirche und den Bibliothekssaal, dessen Regale leer waren, denn die Bücher der einstigen Klosterbibliothek waren aufgrund der Säkularisation von 1803 nach Amberg und München gebracht worden.

Es gab aber für Goethe noch einen weiteren Grund, gerne nach Waldsassen zu fahren: Der Dichter liebte die Bratwürste so sehr, dass er angeblich sogar in den Theaterpausen nicht darauf verzichten wollte. Noch lieber als die in Weimar angebotene Thüringer Bratwurst schätzte er die kleinen Nürnberger Bratwürstchen. Die in Waldsassen gekauften Bratwürste aber fand er sogar „köstlich“:

Eine Woche nach der Besichtigung der Stiftskirche und des Bibliothekssaals, am 18. August 1822, wurde Goethe von seinem Freund Grüner aus Marktredwitz abgeholt. Darüber schreibt er: „Um vier Uhr abgefahren. Gute Chaussee über Mitterteich und Waldsassen; nahmen in Waldsassen die köstlichen Bratwürstchen mit; vor Nacht in Eger“. Die Bratwürste, die er sich damals einpacken ließ, schmeckten ihm demnach noch besser als in Marktredwitz oder in Eger.

Günther Juba

 

Foto:

Goethe (Schauspieler des Westböhmischen Theaters) bei der Besichtigung der Egerer Burg