Aufforderung zu tolerantem Verhalten
Eine acht Meter hohe „Stele der Toleranz“ wurde am 1. Juli 2022, dem 32. Jahrestag der Öffnung des Grenzübergangs von Waldsassen nach Cheb, enthüllt. Geschaffen wurde das Denkmal von dem Künstler Karl-Martin Hartmann.
Zu diesem Festakt an der Grenze waren Waldsassens Bürgermeister Bernd Sommer, der stellvertretende Bürgermeister von Cheb Ladislav Hruby, Landrat Roland Grillmeier, der Abgeordnete im Europäischen Parlament Christian Doleschal, sowie der Künstler Karl-Martin Hartmann gekommen. Die Stiftländer Jugend-Blaskapelle spielte zur Enthüllung der Stele die Europahymne.
Diese Plastik hat als sozialer Apell bereits seit dem Jahr 1994 weltweit Verbreitung gefunden. Der Künstler will damit auf die gesellschaftspolitische Bedeutung von Toleranz hinweisen. Sein Projekt steht unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments.
Alle Stelen bestehen aus einer Stahlkonstruktion mit zwei senkrechten Profilen, die oben durch einen Querriegel verbunden sind. Innerhalb der Profile befinden sich die Glaselemente aus mehreren Schichten. Die beiden äußeren Scheiben bestehen aus sechs Millimeter dickem Sicherheitsglas, dazwischen befindet sich das handwerklich hergestellte rote Antikglas, geblasen in der Glashütte Lamberts in Waldsassen.
Da das neue Kunstwerk direkt am Grenzübergang aufgestellt wurde, hat es als Mahnmal zur Toleranz noch eine weitere Bedeutung: Es erinnert an die leidvolle Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, als nationaler Größenwahn Deutsche und Tschechen zu Feinden machte – und eine freundschaftliche Nachbarschaft innerhalb der Völkerfamilie der Europäischen Union noch völlig unvorstellbar war. Dass der „Eiserne Vorhang“ vor 32 Jahren gefallen ist und seitdem unsere Welt größer und schöner geworden ist, erscheint immer noch wie ein Wunder, das Anlass zur Dankbarkeit gibt.
In unserer Welt von heute, in der viele Fortschritte das Leben der Menschen erleichtert haben, ist aber gleichzeitig kaum abzusehen, welche negativen Auswirkungen die zahlreichen technischen Innovationen haben können.
Deshalb ist die Toleranz heute notwendiger als jemals zuvor, da ohne sie ist das Überleben der ganzen Menschheit in Gefahr ist.
Die Bereitschaft zu tolerantem Verhalten muss allerdings immer wieder kritisch hinterfragt werden, denn sie darf nicht bedingungslos sein.
Darauf weist der Philosoph Karl Popper hin: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Auf der Stele am Grenzübergang ist dieser Text zu lesen.
In Karl Poppers während des Zweiten Weltkriegs geschriebenem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ heißt es auch: „Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“
Günther Juba
Foto:
Stele der Toleranz am Grenzübergang von Waldsassen nach Cheb
Grenzen der Toleranz

