Vertreibung und Versöhnung
Geschichte des Egerlandes in einem ehemaligen Fabrikgebäude
Petr Schaller, Bürgermeister der kleinen Stadt Plesná (ehemals Fleißen) hat ein großes Ziel erreicht: In der leerstehenden Textilfabrik Tosta schuf er ein Museum, das die Geschichte der Stadt und ihrer deutschen und tschechischen Einwohner im Wandel der Zeit vorstellt. Die Gründung der Tschechoslowakei, der Aufstieg des Nationalsozialismus, die Vertreibung von etwa fünfzig tschechischen Einwohnern aus der Stadt, der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung, die Besiedlung in die leergewordenen Gebiete und das Leben hinter dem Eisernen Vorhang werden hier anschaulich dokumentiert.
Einige der Vorfahren von Petr Schaller waren Deutsche. Als die ehemaligen Bewohner im Jahre 1946 aus Fleißen vertrieben wurden, musste aber seine Großmutter zurückbleiben, weil man sie als Fachkraft in der Textilfabrik benötigte. Damals war es für sie unvorstellbar, dass einer ihrer künftigen Enkelsöhne, Petr Schaller, hier Bürgermeister werden könne. Für diesen aber war die ehemalige Textilfabrik Tosta ein Ort der Erinnerung an die Geschichte seiner Heimatstadt und an das Schicksal seiner Familie.
Aus der hessischen Stadt Eichenzell, wo über 500 vertriebene Fleißener nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht gefunden hatten, kam die Anregung zu einem Museum über die Geschichte des Städtchens. Dafür bot sich die leerstehende Fabrik als idealer Ort der Erinnerung an: Ein Teil der Gebäude wurde abgerissen oder verkleinert, andere blieben erhalten und bieten nun genügend Platz für die Ausstellungshallen. Der Fabrikschlot, ein markantes Wahrzeichen des Städtchens, blieb erhalten.
In Tschechien wird die deutsche Vergangenheit längst nicht mehr ignoriert oder diffamiert, aber das bittere Schicksal der Vertreibung ist für viele der zugezogenen Bewohner kaum vorstellbar. In dem neuen Museum kann man diese schwere Zeit jetzt besser verstehen.
Vor allem für junge Besucher ist die interaktive Präsentation interessant. Auf Tschechisch oder Deutsch können sie detaillierte Informationen abfragen. Schulklassen werden in eine nachgebaute Wohnung aus dem Jahre 1946 geführt. Dort sollen die jungen Besucher innerhalb kurzer Zeit auswählen, was sie mitnehmen würden, wenn sie ihre Heimat verlassen müssten – allerdings nicht mehr als 30 kg. Deshalb ist es für die Kinder nicht einfach, sich zu entscheiden. In der Ausstellung sind auch einige Koffer und Kisten zu sehen, mit denen die ehemaligen Bürger ihre Heimat verlassen mussten, ebenso die weißen Armbinden mit dem Buchstaben „N“ für Němec (Deutscher).
Berührend sind auch die Schilderungen aus dieser schweren Zeit, z. B. von einem kleinen Jungen, der seinen heißgeliebten Teddybär im Wald versteckte und ihn damit tröstete, dass er schon bald wieder zurückkommen werde – eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.
Petr Schaller wünscht sich, dass deutsche und tschechische Partnerschulen das Museum gemeinsam besuchen werden. Die Kenntnis der Vergangenheit soll Lehre für eine bessere Zukunft in freundschaftlicher Nachbarschaft sein.
Ein weiteres Ausstellungsthema des neuen Museums ist die Geologie der Region: Nový Kostel, das Epizentrum der Erdbeben im Egerer Becken, ist nur 7 km von Plesná entfernt.
Ermöglicht wurde der Umbau der Fabrik zu einem Museum durch die grenzüberschreitende Partnerschaft mit der Stadt Erbendorf im Landkreis Tirschenreuth. Hier entstand ein Museum zu Flucht und Vertreibung, ebenfalls unterstützt durch Fördermittel der Europäischen Union.
Zur festlichen Eröffnung des „Museums Fleißen im Egerland“ (Muzeum Plesná na Chebsku) konnte Petr Schaller namhafte Ehrengäste begrüßen:
Aus Erbendorf kamen Bürgermeister Johannes Reger mit seinem Amtsvorgänger Hans Donko und sie dankten für die freundschaftliche, sehr erfolgreiche Zusammenarbeit.
Petra Ernstberger, Geschäftsführerin des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, sprach ihre Bewunderung dafür aus, was hier nicht „von oben“, sondern von den Bürgern selbst erdacht und beispielhaft realisiert wurde.
Raimund Paleczek Vorsitzender des Sudetendeutschen Museums in München, der das neue Museum mit zahlreichen Leihgaben unterstützt hatte, war begeistert von der Möglichkeit, die Geschichte „an Ort und Stelle“ zu dokumentieren.
Joachim Bohl war aus dem hessischen Eichenzell gekommen. Von dort hatten viele der ehemaligen Fleißener Bürger mit persönlichen Erinnerungsstücken zur Ausstattung des Museums beigetragen.
Die Feierstunde wurde musikalisch umrahmt von den „Moler-Boum“.
Als danach die Gäste durch die Ausstellungsräume geführt wurden, gab es für Petr Schaller immer wieder Bewunderung und Dank für sein einzigartiges Engagement.
Das Museum in Plesná (Fleißen) wird erst im Frühjahr 2023, zu Beginn der touristischen Saison, für Besucher geöffnet sein.
Günther Juba
Fotos:
Bürgermeister Petr Schaller am Eingang der Ausstellung
Koffer, Kisten und weiße Armbinden erinnern an die Zeit der Vertreibung
Die ehemalige Fabrik, in der das neue Museum entstand

