Heitere Basilika
Wenn man die Basilika Waldsassen betritt, fällt der Blick zunächst auf den einzigartigen Marmoraltar mit dem goldenen Kugeltabernakel des Bildhauers Karl Stilp und auf das eindrucksvolle Altarbild des Franzosen Jean Claude Monot.
Erst danach wird man auf die Seitenaltäre im Hauptschiff aufmerksam: In gläsernen Särgen sind hier die „heiligen Leiber“ zu sehen, die Gebeine von Märtyrern, die im 18. Jahrhundert aus dem Katakomben von Rom hierher gebracht wurden. Der Klosterbruder Adalbert Eder fügte diese Knochen zusammen und verzierte sie mit wertvollen Gewändern. Die Basilika Waldsassen besitzt die größte Reliquiensammlung nördlich der Alpen. Diese gläsernen Särge wirken auf die Menschen von heute vielleicht etwas gruselig.
Anders empfand man dies aber in der Barockzeit. Die Menschen sollten vom ernsten Geist des Protestantismus durch eine fröhliche Frömmigkeit für die katholische Konfession zurückgewonnen werden („Gegenreformation“). Sogar der Tod wurde als nicht furchterregend dargestellt, sondern als Einzug in eine glückliche Ewigkeit. Deshalb scheinen einige der „heiligen Leiber“ nur zu schlafen oder gerade aufzuwachen, andere stehen sogar aufrecht, als wären sie Boten aus dem Jenseits.
In der Zuversicht des Glaubens wurden der Gedanke an den Tod und die Freude am Leben nicht als Gegensätze betrachtet.
Vor allem im Chorraum der Basilika kann man sehen, dass hier das vergnügte Staunen, die Heiterkeit oder sogar das Lachen nicht verboten sind:
An den Ecken der Vierung stehen die Kirchenväter. Bei Papst Gregor, nach dem der Gregorianische Choral benannt ist, hat sich ein Vogel auf die Schulter gesetzt. Es ist eine Taube, das Symbol des Heiligen Geistes, die ihm die Melodien der Choräle ins Ohr singt.
Die Deckengemälde des Chorraumes zeigen die Gründungsgeschichte des Klosters. Das am meisten beachtete Detail ist der „Waldsassener Schimmel“. Dieses Pferd kann man – je nach Standort und Wahrnehmung – von hinten oder aber von vorne sehen, denn der Maler Jakob Steinfels hat im Schweif auch die Mähne und den Kopf des Pferdes dargestellt.
In der Mitte des prachtvollen Hochaltares hat der Bildhauer Karl Stilp zwei Engel gleich hinter dem Altarkreuz – und doch vor den Blicken des gestrengen Abtes versteckt – weil sie etwas tun, das man in einer ehemaligen Klosterkirche sicherlich nicht erwarten würde: Sie küssen sich.
Hoch über dem Eingang zur Sakristei aber ist ein frecher, kleiner Engel zu sehen, der sein nacktes Hinterteil zeigt. Selbstverständlich will er damit nicht die Heiligen in der Kirche verspotten, auch die hochwürdigen Geistlichen sind sicherlich nicht gemeint. Mit dieser Geste macht er sich wohl nur über die Ministranten lustig, welche feierlich in die Kirche schreiten.
Der Kirche und ihren Vertretern sagt man oft Humorlosigkeit nach. In der Basilika Waldsassen wird – trotz der Reliquien – das Gegenteil bewiesen. „Humor ist der Bruder des Glaubens.“ (Martin Buber)
Günther Juba
Fotos:
Der kleine Engel mit dem nackten Hinterteil

